Yuki-onna, der japanische Schnee-Dämon, © Branko Vucelic auf flickr.com, Lizenz: CC BY-SA 2.0
Yuki-onna, der japanische Schnee-Dämon, © Branko Vucelic auf flickr.com, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Blick nach Fern(fr)ost Teil 1: Japan und der Schnee

Eine Winternacht im Dezember.
Das Licht des Vollmonds scheint über raureifbedeckte, aber leider schneefreie Felder. Gedankenverloren wandern Sie über die Feldwege zu einem kleinen Wald und genießen die eiskalte Luft.
Plötzlich sehen Sie Flocken und blicken irritiert zum Himmel empor, von dem das Auge des Mondes wolkenlos glotzt.
Während Sie sich fragen, wie es bei wolkenlosem Himmel schneien kann, nimmt der Schneefall immer mehr zu, sodass Sie Zuflucht in dem kleinen Wald suchen, der sich zu einem Wintermärchen verzaubert. Mitten im dichten Schneetreiben, das selbst die blätterlosen Äste des Waldes nicht mindern können, glauben Sie im Unterholz einen weißen Schemen und eine Gestalt mit langen, schwarzen Haaren und einem porzellanenem Gesicht wahrzunehmen. Doch als sie genauer hinsehen, scheint die Gestalt mit dem Schneetreiben zu verschmelzen und wird unsichtbar.

Yuki-onna – Schönheit und Horror

Möglicherweise haben Sie einen Schneegeist gesehen. In Japan nennt man ihn „Yuki-onna“, was man zwar mit „Schneefrau“ (yuki = Schnee, onna = Frau) übersetzen könnte, letztlich aber einen Schneegeist oder Schneedämon umschreibt.

Yuki-onna nach Toriyama Sekiens "Gazu Hyakki Yakō" (1776)
Yuki-onna nach Toriyama Sekiens „Gazu Hyakki Yakō“ (1776)

Doch Yuki-onna ist nicht nur wie in der kurzen Eingangsgeschichte als Schneegeist tätig – auch die bösartigen Aspekte des Winters machen sie zu einem unberechenbaren Wesen. So soll sie auch bekannt dafür sein, im Schneewald übernachtenden Wanderern einen eisigen Hauch ins Gesicht zu pusten und ihnen so den Erfrierungstod zu verschaffen.
Ihre Gestalt ist ebenso unheimlich: Sie scheint wie viele japanische Geister über keine Füße zu verfügen (vermutlich aus ästhetischen Gründen – der Japaner liebt die Perfektion von Form und Vorstellung), schwebt somit über dem Schnee ohne Spuren zu hinterlassen und ist mit einem zerrissenen weißen Kimono bekleidet. Im Gegensatz zu diesen unheimlichen Aspekten hat sie jedoch ein betörend schönes, schneeweißes Antlitz, umrahmt von langen schwarzen, wehenden Haaren. Ihr Augen sind auch schwarz, wirken jedoch wie ein endloser Mahlstrom, wie Tunnel der Schwärze, in denen sich die eigene Seele verliert.

Der dämonische Aspekt zeigt sich darin, dass Yuki-onna nachgesagt wird, sie locke Wanderer in ihr Haus, doch wer es betritt, wird später wahnsinnig und begeht Selbstmord. Yuki-onna aber nährt sich von der Seele des Toten. Andere Berichte künden davon, dass sie ein Kind mit sich führt. Doch wer das Kind anzusprechen wagt, wird auf der Stelle eingefroren und stirbt.
Besonders spannend für Männer: Wer sich von der betörend schönen Schnee-Dämonin verführen lässt, wird beim Schäferstündchen mit einem eisigen Kuss in den Tod befördert, um mit der frei werdenden Seele Yuki-Onna zu erfreuen.

Allerdings hat sie auch sanfte und gute Seiten.
So soll sie auch Männer als normale Frau heiraten und Kinder bekommen. Allerdings wird sie sich irgendwann wie schmelzendes Eis buchstäblich auflösen. Bei schmerzgeplagten, sterbenden Menschen scheint sie jedoch Mitleid zu haben und erleichtert diesen Sterbenden mit sanften Worten und lieblichem Gesang den Übergang in das Jenseits.

Ich weiß nicht, wie es Euch allen geht, aber derzeit wäre ich beinahe bereit, mich mit Yuki-onna einzulassen. Denn was ist eine Welt ohne Winter schon noch wert? Ohne den Zauber schneebedeckter Landschaften, ohne Schnee, der die Hässlichkeit der Welt wie Magie hinwegfegt, ohne erlösende Kälte, die die Seele bis in den Kern wärmt, damit man den nächsten Horrorsommer überleben kann?
Es wäre das Risiko wert, sich von Yuki-onna verführen zu lassen 😉

Ein Exkurs: Japanischer Horror

In Yuki-onna zeigt sich die meisterhafte Fähigkeit der japanischen Kultur, Ästhetik zu zelebrieren. Es gelingt ihnen nicht nur, die Schönheit bis zum Exzess zu kultivieren – sei es in Zen-Gärten, bei der Teezeremonie in der jedes Detail stimmig ist, oder im Nô-Theater -, sondern auch das Grauen in beinahe jeder beliebigen Form zu finden und zu extrahieren.
Umberto Eco hat einmal gesagt, dass ein Bild dann ästhetisch ist, wenn es Idee und Form übereinstimmen. Anhand eines Bildes über den Teufel muss somit gesagt werden: „Dieses ist dann ästhetisch, wenn es die Scheußlichkeit des Teufels angemessen widerspiegelt“.

Viele japanische "Phantome", wie sie auch in Filmen oder bei der Legende um Yuki-onna vorkommen, sind weiblicher Natur und werden "Yûrei" genannt
Viele japanische „Phantome“, wie sie auch in Filmen oder bei der Legende um Yuki-onna vorkommen, sind weiblicher Natur und werden „Yûrei“ genannt

Dieser Sinn für Ästhetik, den ich bei der überlegenen japanischen Kultur immer wieder aufs neue bewundere, gilt auch für den Horrorbereich und wer jemals unvoreingenommen einen japanischen Horrorfilm gesehen hat, weiß, was ich meine.
Am bekanntesten sind vielleicht „Der Ring“ oder „The Grudge“ (gibt es jeweils im besseren japanischen Original mit deutscher Synchro wie auch als westliche Version mit europäischen Schauspielern), doch wer etwas Unfassbares sehen will, dem sei „Uzumaki“ empfohlen: Es geht um eine Spirale. Um Spiralen an sich. Als auch die erste Leiche in spiralig verdrehter Form  in einer Waschmaschine gefunden wird, ahnt man, dass es sich um keinen normalen Film handelt. Die Atmosphäre verängstigt subtil und verwirrt und mit jeder Minute, in der man sich in den Film hineinspiraliert, wird man selbst ein wenig mehr wahnsinnig 😉

Bei „The Shutter“ begeht ein Pärchen Unfallflucht und wird von dem Geist des Unfallopfers, eines Mädchens im Stil von „The Ring“, verfolgt. Der Protagonist ist ein Fotograf, dessen Bilder sich plötzlich auf unheimliche Weise verändern. Plötzlich begehen seine Freunde Selbstmord und am Ende eines Horrortrips wartet ein entsetzliches, überraschendes Ende.

„The Call“ ist dagegen nur ein moderner Horrorfilm. Eine bestimmte Nummer wird unter japanischen Teenagern weitergegeben. Doch jeder, der das Handy* beim Anruf aktiviert, stirbt innerhalb einer gewissen Zeit unter grauenvollen Umständen. Yumi versucht, den Tod ihrer Freundin aufzuklären, doch als auch ihr Handy klingelt, weiß sie, dass sie nur noch wenig Zeit hat.

Wer noch A Tale of two Sisters (ein südkoreanischer Horrorfilm, im weitesten Sinne aber auch japanischer Kulturbereich) und Noroi – The Curse in seine Horrorsammlung aufnimmt, hat die Creme de la Creme der japanischen Horrorfilme erworben, die kaum Splatter aufweisen, dafür aber gründlich und nachhaltig die Seele erschüttern. Winterzeit ist auch die ideale Horrorzeit* 😉

Auflistung der Horrorfilme (nur mit ausgeschaltetem Werbeblocker sichtbar):

Trailer mit „The Grudge“ zu Beginn in den „5 besten Horrorfilmen des letzten Jahrzehnts„.

Zum Schluss noch eine ernst gemeinte Warnung: Japaner sind Meister des psychologischen Horrors. Daher kann ich nur raten: Wer sich die Filme (natürlich nur nachts und nur alleine im Haus!) antuen möchte, suche sich Tage aus, an denen er seelisch stabil ist …

Nach dem Genuss der Filme wird man sich in jedem Fall gewiss zwei Mal überlegen, ob man sich Yuki-onna wirklich herbeiwünscht.

Ein japanischer Dämon? Oder Sie selbst nach dem Genuss diverser japanischer Horrorfilme? © <a target="_blank" href="https://www.flickr.com/photos/53983435@N02/4998194482">Harrison Anthony25 auf flickr.com</a>, Lizenz: <a target="_blank" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/">CC BY-SA 2.0</a>
Ein japanischer Dämon? Oder Sie selbst nach dem Genuss diverser japanischer Horrorfilme? © Harrison Anthony25 auf flickr.com, Lizenz: CC BY-SA 2.0




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