Anthraxbakterien unter dem Mikroskop.
Anthraxbakterien unter dem Mikroskop.

Sibirien kennen wir bereits als eines der Länder mit der höchsten Erwärmungsrate der Welt.
Die Folgen: Methanhydrat scheint im auftauenden Permafrost instabil zu werden und zu explodieren, wodurch es gewaltige Löcher im Erdboden hinterläßt: Rätselhafte Riesenlöcher in Sibirien

Während bei den Löchern der wissenschaftliche Nachweis noch aussteht, ist nun etwas geschehen, was von Forschern schon lange befürchtet worden war: Durch die Hitze, die ganz klar dem „Klimawandel“ zugeordnet werden muss, werden im auftauenden Permafrostboden Erreger und Viren freigesetzt, die seit dem Zweiten Weltkrieg oder auch seit tausenden Jahren im Erdboden schlummern.
Anthrax-Erreger töteten jetzt einige Tiere und auch ihre menschlichen Hirten.

Vielen Dank übrigens an Evgenij Mansurov aus unserem Kommentarbereich, der zuerst darauf aufmerksam gemacht hat!

Was ist Anthrax und wie verbreitete es sich in Sibirien?

Anthrax, auch „Milzbrand“ genannt, mag den meisten nur als biologischer Kampfstoff aus den Weltkriegen bekannt sein. Auch im Mittelalter ist Anthrax in arabischen Quellen als „persisches Feuer“ bekannt und tauchte in Europa vermehrt in der Nähe von Gerbereien auf.
Tatsächlich ist es somit kein künstlich erschaffenes, sondern natürlich entstandenes Bakterium, das hochgefährlich ist.

Hautläsion durch eine Infektion mit Anthrax-Bakterien.
Hautläsion durch eine Infektion mit Anthrax-Bakterien.

Bisher galt Anthrax als „besiegt“ und es kam lediglich zu vereinzelten Krankheitsfällen oder wurde bei terroristischen Anschlägen verwendet (Anthrax-Briefe in den USA im Jahr 2001).

Der Anthrax-Ausbruch in Sibirien ist der erste seiner Art in dieser Region seit über 75 Jahren. Über 72 Menschen wurden mit Verdacht auf Anthrax in Krankenhäuser eingeliefert und über 2300 Rentiere wurden getötet.
Die Quelle wird in einem Friedhof einer indigenen Kultur vermutet, wo die Anthraxerreger auf Holzsärgen überdauert haben und nun durch die Hitzewellen freigesetzt wurden. Da diese Holzsärge wegen des Permafrostes nicht begraben wurden, liegt wohl die Ursache nicht direkt im Tauen des Permafrostes, sondern in der Aktivierung der Bakterien, die sich auf dem Boden liegenden Särgen befanden.
Die Problematik bleibt natürlich die Gleiche mit der Kausalkette der Hitzewellen und direkter Bodenoberflächenbeeinflussung oder eben des Auftauens des Permafrostbodens. Trifft die Theorie zu, dass die Anthraxerreger sich größtenteils oberirdisch befanden, dann wäre dieser Vorfall als Auslöseereignis zu interpretieren, dem weitere folgen könnten.

Wie groß ist die Gefahr von Seuchenerregern als Folge der Klimakatastrophe?

Der Anthrax-Vorfall zeigt, welche Gefahren sich aus der Klimakatastrophe ergeben, die nicht einmal Bestandteil selbiger sind, sondern nur eine Randerscheinung darstellen. Wie viel mögliche Krankheitserreger in den tauenden Permafrostböden der Welt verborgen liegen, wissen selbst Wissenschaftler nicht.

Somit muss sich die Menschheit nicht nur der Verbreitung tropischer und neu entstehender Krankheiten als Folge der Klimakatastrophe stellen (siehe Artikel Pandemien durch die Klimakatastrophe?), sondern auch alten Krankheiten aus im Boden „schlafenden“ Erregern.

Angesichts der Flächengröße und der Unkenntnis über die Art möglicher Gefahren lassen sich für die Gefahren in Permafrostböden kaum prophylaktische Maßnahmen ergreifen. Es ist möglich, dass Vorfälle wie Anthrax Einzelfälle sind. Aber es ist auch denkbar, dass ein Seuchenpotential im Erdboden schlummert, dass aktuell deutlich unterschätzt wird. Die Wahrheit würden wir ohnehin nicht erfahren, da man selbstverständlich diese Informationen zurückhalten würde. Das kennen wir ja bereits: „Die vollständige Wahrheit würde die Bevölkerung nur verunsichern“.

Anthraxerreger im Elekktronenmikroskop, farblich gekennzeichnet, © <a target="_blank" href="http://www3.niaid.nih.gov/biodefense/Public/Images.htm">Arthur Friedlander</a>
Anthraxerreger im Elekktronenmikroskop, farblich gekennzeichnet, © Arthur Friedlander

Allerdings sollte man auch nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen und daraus eine Verschwörungstheorie basteln. Man ist gut beraten, die Folgen der Klimakatastrophe, die in eine neue Phase einzutreten scheint, genau zu beobachten und wachsam zu bleiben, ohne in Hysterie auszubrechen.

Ich habe einmal befreundete Mediziner zu dem Fall befragt. Diese meinten, dass tatsächlich der Permafrostboden heute vollständig unbekannte Viren und Bakterien beherbergen könnte, die nach einer Seuche und Tötung der Fauna vor Ort verblieben und im Boden „schlafen“. Anthrax wird über Sporen übertragen, die mit dem Wind verbreitet werden. Somit ist in Sibirien die zunächst zeitlich jüngste Bedrohung erwacht, die sich zudem leicht über den Wind verbreitete.
Was in den kommenden Jahrzehnten noch zum Vorschein gelangen könnte, lässt sich heute nur schwer abschätzen.

Artikel zum Thema
Spiegel.de: Nordrussland – Zwölfjähriger stirbt an Milzbrand
Welt: Sonne weckt tödliche Bakterien im Permafrost
Aerzteblatt.de: Milzbrand-Ausbruch: Zwölfjähriger im äußersten Norden Russlands gestorben
Zeit: Milzbrand in Sibirien ausgebrochen
Wikipedia: Anthrax





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  • Evgenij Mansurov

    Danke Michael für die Themenvertiefung. Bei Zeit.de war natürlich alles viel harmloser dargestellt.

    • Danke nochmal für den Hinweis auf Sibirien!
      Je nach Autor schwankt die Interpretation der Daten, daher dachte ich, ich frage mal Mediziner. Bin mir nicht sicher, ob der Autor von der Zeit sich auch diese Mühe gemacht hat 😉