Mit der richtigen, ostfriesischen Teemagie könnte der ersehnte Regen schneller kommen, als man denkt ...; © Neal Fowler auf flickr.com, Lizenz: CC BY 2.0
Mit der richtigen, ostfriesischen Teemagie könnte der ersehnte Regen schneller kommen, als man denkt ...; © Neal Fowler auf flickr.com, Lizenz: CC BY 2.0

Sanft kräuselt sich der Dampf in die Höhe und reckt sich meiner schnuppernden Nase entgegen. Liebevolle Augen streicheln über die kupferfarbene Flüssigkeit, in der die Teewolkenschleier geboren wurden. Wie ihr Pendant, die Erde und die Ozeane, schicken Kräfte – manch einer nennt sie Konvektion, für andere sind es unsichtbare Götter -, die ätherischen Teeschwaden empor, damit sie menschliche Lippen sanft küssen dürfen.
Ihre magische Wirkung bleibt nicht aus. Schon umgarnen zarte Finger die Teetasse mit der roten Rose und es mutet an, als streichle man einen heißen Vulkan. Wie von Zauberhand hebt sich die Tasse, der Schwerkraft trotzend empor. Kurz vor den roten Lippen verharrt sie, denn alles andere wäre unpassende Gier. Nach einer kurzen Weile der Demut, des Danks und wenn Auge und Nase ihre Lust am Schönen befriedigt haben: Der erste Schluck!
Einer Defloration gleich erobert der Tee den Gaumen. Eine erste Bitterkeit erinnert an die schweren Lektionen des Lebens und die damit verbundenen Gesichter und Gefühle. Getröstet von einem Hauch Sahne, beschwichtigt sich das aufgewühlte Gemüt, um von der Kandissüße der Liebe überwältigt zu werden. Der Sieg des Tees über den Menschen. Dieses eine Mal fügen wir uns willig in die Niederlage, gestehen sie ein, nur damit der Tee in einem Katarakt der feinen Freuden durch die Kehle rinnt, einem heiligen Akt der Transsubstantiation gleich, wenn wir nicht nur des Tees teilhaftig werden, sondern auch seiner Schönheit, Eleganz und Wohllust.

Nur eine Tasse Tee und Gaumen wie Seele füllen sich mit Erinnerungen an Kaltwetterwunder ...; © kaltwetter.com
Nur eine Tasse Tee und Gaumen wie Seele füllen sich mit Erinnerungen an Kaltwetterwunder …; © kaltwetter.com

Tee ist, wie man sieht, alles andere als ein banales Alltagsgetränk. 😉
Wohlfeil zelebriert wird er zu einer Heiligkeit und wir banalen, unwürdigen Wesen zu Priestern der Ästhetik. Tee sollte niemals einfach nur im Vorübergehen genossen werden, sondern zum Tee gehört eine Atmosphäre der Entspannung, der Stille, vielleicht sogar der Kontemplation – eine Entschleunigung, die die heutige Welt so selten kennt und die umso kostbarer ist. Tee ist ein Getränk für unser Seelengefäß und was wäre wichtiger als unsere unsterbliche Seele? Also bereiten wir ihr und damit uns doch einmal subtile lukullische Teefreuden.
Nicht nur das Reich der Mitte hat dies als Begründer der Teekultur erkannt, sondern auch Japan als die höchste kulturelle Verfeinerung der Teezeremonie. Nicht nur Indien, als Hauptanbaugebiet heutiger Tees, versteht die Seele des Tees und auch nicht nur England mit der klassischen „Fünf Uhr-Teezeit“, sondern in Deutschland die Ostfriesen.

Ursprünglich war es zwar die Not, das brackige Moorwasser in etwas Trinkbares zu verwandeln, doch mit der Zeit wurde wie bei so vielen anderen Gelegenheiten aus der Not eine Tugend.
Nun könnte man fragen, was das alles mit Wetter zu tun hat. Doch trinken die Ostfriesen ihren Tee auf ihre ganz eigene Art. Und mit etwas Einfühlungsvermögen und Fantasie kann man durchaus das wundervolle ostfriesische Wetter sich in Gedanken nach Hause holen.

Teepriesterliche Utensilien: Das Teegerät

Was benötigen wir, um ostfriesischen Tee zu kochen?
Es versteht sich von selbst, dass der Teehohepriester sich nicht mit Staub („Dust“) eines ordinären Teebeutels abgibt! Zur Bereitung losen Tees benötigen wir eine Glaskanne zum Aufgießen, einen Wasserkocher und ein Sieb zum Abgießen.

Die Glaskanne: Entspannungsbecken und Spielwiese für Teeblätter

Als Aufgußkanne eignet sich eine günstige, bauchige Kanne, in der die Teeblätter nicht eingeengt sind und ihre Griesgrämigkeit sich etwa nachteilig auf den Tee auswirken könnte, sondern in der sie unbeschwert wie Kinder herumtollen können.
Das Material Glas ist ideal, da es keine Schadstoffe abgeben kann, die Temperatur gut hält und leicht zu reinigen ist. Auf jeden Fall sollte die Kanne einen Deckel haben, damit der Tee nicht zu rasch auskühlt, während er zieht. Man kann auch die Teekanne auf die Öffnung setzen, womit man zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt: Die Kanne wird vorgewärmt. Aber das kann mitunter zu einem gefährlichen Balanceakt werden und ist nicht zwingend notwendig. Vom Inhalt her genügt zwar eine Kanne mit 650 bis 750 Millilitern, aber so hoch befüllt kann das Ausgießen problematisch werden. Besser man nimmt also wie links empfohlen eine 1-Liter-Kanne und befüllt sie je nach Bedarf für eine Teekanne zur Hälfte oder zu zwei Dritteln.
Esoterische Zungen meinen zu wissen, dass man den Göttern des Windes in Form der Dampfschwaden eben ihren Tribut zollen muss, damit sie ihren Beitrag zur Vollmundigkeit des Tees leisten und ein zu kleines Gefäß wäre dieser Erfordernis abträglich 😉

Teekocher und Teesieb: Elektrischer Hepheistos und Voyeuristennetz

Der Teekocher ist nicht einfach nur ein Hilfsmittel, um das Wasser zu erwärmen. In der Tat mag es für Kaltwetterliebhaber fremdartig anmuten, aber in diesem Fall benötigen wir die Hilfe von Hephaistos, dem Gott des Feuers. Früher musste man dafür „lediglich“ Holz aus dem Wald holen, mit dem Feuerstein herumwerkeln und hoffen, dass der Wind einem nicht die ganze Mühe zunichte machte. Heute haben wir es besser. Doch man bedenke: Ein guter Wasserkocher besteht in erster Linie aus Glas. Wasserkocher mit Plastikbehältern verfremden den Geschmack des Wassers. Zudem stehen sie in Verdacht, dass sich Weichmacher aus dem Plastik in das Wasser lösen und damit Krebs auslösen. Wasserkocher aus Metall wiederum weisen ebenfalls viele Plastikteile auf.
Glas-Wasserkocher sind somit eindeutig die beste Wahl: Schadstofffrei und Geschmacksneutral bei der Wasserbereitung.

Als Teesieb eignen sich einfache Metallsiebe.
Sie sollten eine ausreichende Größe haben, sodass die Teeblätter nicht ungewollt in die Teekanne purzeln. Da man die Aufgußkanne in die Teekanne entleert, indem man den genußfertigen Tee durch das Sieb abgießt, benötigt man auch keine unnützen Accessoires wie Haken an den Rändern, mit denen man das Sieb in die Kannenöffnung stecken kann. Allerdings stören sie auch nicht und die meisten Siebe sind damit ausgestattet.
Ein Deckel, auf den man das Sieb nach dem Abgießen stellen kann, klingt banal, ist aber durchaus sinnvoll. Denn nichts produziert hässlichere Flecken als Schwarzer Tee 😉
Doch das Teesieb ist weit mehr als nur ein banales Instrument auf dem Weg zum oralen Verzehr! Der Kenner prüft nach dem Abgießen Aussehen und Konsistenz der aufgegossenen Teeblätter, die sogenannte „Infusion“. Oh, welche Augenweide präsentiert sich unseren wohllüstigen Augen? Hier zart wie im Schlaf zusammengerollte Blätter, die Beschützerinstinkte aufflammen lassen. Dort die pechschwarzen, bräunlichen Fasern ostfriesischer Tees wie mooriger Torf mit dem Geschmack der Jahrtausende.

Das Teegeschirr: Ein kaiserliches Gewand aus Porzellan

Ehre, wem Ehre gebührt!

Teeservice "Ostfriesische Rose".
Teeservice „Ostfriesische Rose“.

Der aufbereitete Tee sollte ein Gefäß erhalten, das seiner Bedeutung angemessen ist. Natürlich gibt es zu jedem Tee und jedem Anlass abertausende Variationen, doch ich bin der Ansicht, dass man Traditionen durchaus respektieren sollte – tragen sie doch zeitlose Werte über die Jahrhunderte und sind größer als das zu große Ego individueller Geschmäcker.
Beim ostfriesischen Tee geht daher um die traditionelle ostfriesische Rose kein Weg herum. Das Dekor der eher abstrakten Rose fand im 19. Jahrhundert Verbreitung, stammt aber aus Thüringen. Mit der Zeit wurde es zum Symbol friesischer Teetradition.
Das traditionelle Teegeschirr der Friesen besticht daher durch seinen weißen, schlichten Grundton feinen Porzellans. Die rote Rose kontrastiert farblich auffällig dazu und fällt sofort ins Auge. Symbolisch für das rote Blut des Lebens, für Schönheit, aber auch für Schmerz durch ihre Dornen harmoniert sie wunderbar zur Sanftheit, Bitterkeit und Süße der Teefacetten.

Das Design der ostfriesischen Rose ist geschützt und wird nur von bestimmten Händlern vertrieben, z. B. hier: Teeservice Ostfriesenrose.

Qualität hat ihren Preis. Wem das doch ein wenig hochgegriffen ist, findet jedoch auch günstige Teeservices im passenden Landhausstil.
Das Weiß der Tasse ist hier allein deswegen alternativlos, um die Tönung des Tees zu bewundern. Eine dunkle Tasse ist ungefähr so, als würde man auf dem Teeauge erblinden.

Auch ein Sahnekännchen samt gebogenem Sahnelöffel ist für die „ostfriesische Teezeremonie“ unerläßlich! Mehr dazu unten.

Der Stoff, aus dem Teeträume sind: Ostfriesentee, Kluntje und Rohm

Der Tee des ostfriesischen Tees ist eine Mischung aus verschiedenen indischen Sorten mit einem hohen Anteil des einfachen, aber würzigen Assam. Das passt zum frischen Traumwetter der Nordseeküste und zum wilden Charakter der Nordsee, die nicht umsonst oft „Mordsee“ genannt wurde ob ihrer Gefährlichkeit. Somit spiegelt sich das stürmische Wetter schon hier bei der Teewahl wieder.

Es gibt verschiedene (ostfriesische) Teefirmen, die Mischungen anbieten, darunter Thiele oder Bünting. Mir persönlich schmeckt aber immer der traditionellste Tee von Onno Behrends mit seiner ausgeprägten Würze am besten.

Kein ostfriesischer Tee ohne „Kluntjes“. Vergessen Sie den manierierten Miniaturkandis oder gar braunen Zuckerrohrkandis und ähnliche unpassenden Spielereien! Zu ostfriesischem Tee gehören die großen, kantigen Stücke weißen Kandis.
Eine Besonderheit ist der „Rohm“, also der Rahm, sprich: fette Sahne. Wo man früher den Rahm abschöpfte und frisch in den Tee gab, ist man heute zumeist auf gekaufte Produkte angewiesen. Hier kann man aus dem Supermarkt Vollfettsahne oder Schlagsahne beziehen. Wohlgemerkt: Die Sahne muss flüssig sein und etwa Zimmertemperatur haben, damit der „Wulkje-Effekt“ (siehe unten) zutage tritt.

Das teealchemistische Wunder: Die Zubereitung

In der Frühen Neuzeit, der Übergangsphase zwischen Mittelalter und Moderne im 16. und 17. Jahrhundert, versuchten bekanntlich Alchemisten Blei in Gold zu verwandeln. Und nicht nur das. Die Labore boten ein inspirierendes Chaos aus okkulten Gegenständen und Symbolen, sowie chemischen Reagenzien und allerlei Gerätschaften, Kräutern und Materialien.
So mancher schändliche Beutelteetrinker mag bei der Zubereitung echten Tees an diese Zeiten erinnert werden. Doch die kompliziert anmutende Zubereitung ist keine Zwangsjacke, sondern ein roter Faden, bei dem Entspannung und Teegenuss bereits beginnt!

Schritt 1: Die Vorbereitung

Traditionell lebt der Ostfriese vor der Teezubereitung streng enthaltsam. Geist und Körper fokussieren sich voll und ganz auf die heilige Teestunde. Vollmondmärsche durch das Watt in der Nacht zuvor gehören ebenso dazu wie das rituelle Wasserlassen in die Nordsee (wenn man heilige Teeflüssigkeit aufnehmen möchte, so erwarten die Götter die vorher erfolgende Reinigung von „schlechten“ Wassern des unwürdigen Körpers).
Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass dieser Schritt 1 nicht zwingend erforderlich ist 😉

Schritt 2: Das Aufbrühen

Entscheidend für die Teezubereitung ist die richtige Teemenge für die gewünschte Wassermenge und die Ziehzeit.
Ihre zitternden Hände sind also der Bedeutung nun durchaus angemessen 😉 Aber keine Sorge: Die stilsichere Routine festigt sich mit jeder weiteren Teezeremonie, die Sie erfolgreich ausführen.
Für 600 ml Wasser verwende ich 4 stark gehäufte „Kaffeelöffel“ (also nicht die Miniaturlöffel, sondern die üblichen kleinen Haushaltslöffel) Tee. In die trockene (!) und saubere Glaskanne füllen wir also nun besagte 4 gehäufte Teelöffel feinsten Ostfriesentees.

Der Wasserkocher wird befüllt. Am besten misst man am Anfang wirklich die benötigte Menge (also des Inhalts der verwendeten Teekanne) ab, bevor man später mit der nötigen Erfahrung und Praxis ein Gespür dafür bekommt. Wenn das Wasser kocht, kann es sofort in die Aufbrühkanne mit dem Tee gegossen werden. Bei anderen Tees ist das beileibe nicht so! Grüne Tees beispielsweise werden geradezu getötet, wenn man Wasser verwendet, das mehr als 70 Grad aufweist.
Doch der Ostfriesentee ist kein zartbesaitetes Gewächs und bei dem stürmischen Nordseewetter ist Wärme in der Tat eine natürliche Labsal und keine Perversion wie in anderen deutschen Gegenden.
Wasserfilter halte ich übrigens für ein völlig überflüssiges Accessoire. Sie führen letztlich fast immer zu einer unerwünschten und teilweise sogar gefährlichen Keimbelastung. Wenn Ihr Wasser sehr kalkhaltig ist (was für 99% aller Tees tödlich ist im Gegensatz zum Kaffee), dann experimentieren Sie gerne mit verschiedenen stillen Mineralwassern. Wenn Sie damit die Geschmacksqualität Ihres Tees verbessern, dann gewinnen Sie ganz gewiss das Wohlwollen der Götter!

Die Ziehzeit des Tee ist sehr entscheidend. Nun lösen sich aus dem Tee nicht nur natürliche Farbstoffe, sondern auch hunderte Ingredienzen. Dabei ist das Verhältnis von Teein (dem „Koffein“ des Tees) und Bitterstoffen entscheidend. Zu kurz und der Ostfriesentee schmeckt viel zu leicht. Zu lang und er wird bitter wie ein Sommertag. Um die exakte Ziehzeit zu beachten, verwendet man idealerweise einen digitalen Timer, welcher rückwärts zählt und über eine Alarmfunktion verfügt. Denn beachten Sie: Schon wenn Sie erst NACH dem Befüllen der Aufgießkanne den Timer anstellen, sind bereits 10 Sekunden vergangen, die zur Ziehzeit zählen. Wer jetzt noch ein schlechtes Zeitgefühl hat und „ungefähr“ nach 4 Minuten abgießt, kann den gesamten Tee ruinieren.
Schalten Sie also die Uhr in dem Moment an, kurz bevor Sie das Wasser in die Glaskanne gießen und gießen Sie beim Ertönen des Alarms zügig ab, ohne zu trödeln. Ein zarthäutiges Kind belässt man auch nicht zu lange im Badewasser!

Vor der Zunge wird das Auge verwöhnt!; © <a target="_blank" href="https://www.flickr.com/photos/agirlwithtea/5404092236">A Girl with tea auf flickr.com</a>, Lizenz: <a target="_blank" href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">CC BY 2.0</a>
Vor der Zunge wird das Auge verwöhnt!; © A Girl with tea auf flickr.com, Lizenz: CC BY 2.0

Nehmen Sie sich Zeit, die Brownsche Bewegung der Teeblätter im sich dunkel färbenden Wasser der Glaskanne zu genießen! Wie ein Sturm braut sich dort Geschmack zusammen und erinnert an Wolken, die uns von Hitze und Dürre erlösen. Nicht zu sabbern anfangen! Das gehört sich nicht bei der Teezeremonie.

Wenn Sie nach 4 Minuten (und nicht nach viereinhalb!) den Tee abgießen, dann vergessen Sie nicht das Teesieb über die Teekanne zu halten bzw. es in die Öffnung zu setzen, wodurch die Teeblätter nicht in die Kanne gelangen. Denn dies würde zu einer unerwünschten, hochgradigen Verbitterung führen – des Tees, weil sich aus den Blättern umso mehr Bitterstoffe lösen, je länger sie ziehen, ihnen selbst, weil ihr Gaumen protestieren wird und letztlich auch den Göttern, weil Sie sich unbotmäßig und unwürdig verhalten haben! 😉

Die Teekanne platzieren Sie nun auf das Stövchen, dessen Teelicht Sie in weiser Voraussicht während der Ziehzeit angezündet haben. Da sich keine Teeblätter mehr in der Kanne befinden, wird die Wärme unter der Kanne nicht zu einer Veränderung der Teequalität führen.

Schritt 3: Wie man die Wolkenästhetik der Küste repliziert

Der Teetisch ist gedeckt. Teetassen stehen vor jedem ihrer Gäste und die Leere ihrer Vertiefung (der Teetassen, nicht der Gäste) schreit nach Abhilfe! Doch Halt! Die Ostfriesische Teezeremonie erfordert vor dem Einschenken zunächst, dass jeder Gast sich ein Stück Kluntje (den großen ostfriesischen Kandis) in die Tasse legt. Früher hatte man sogar ganze Kluntjesziegel, die man mit einer speziellen Kluntjeszange zerbrechen musste.

Nun ist es soweit!
Sie heben vorsichtig die Teekanne vom Stövchen und schenken den Tee ein. Sie dürfen nicht einknicken, wenn Ihnen nun bei dem prachtvollen Anblick, wie sich rotbraungoldener Tee in die Tasse ergießt, die Knie weich werden. Und lauschen Sie nur! Das Knacken und Knistern, wenn der Kandis durch den heißen Tee seine Dankbarkeit mitteilt, dass er der Erfüllung seiner Existenz begegnet.
Jedem, der nun die Hände zur Teetasse hebt, geben Sie etwas auf die Finger, denn wir sind noch nicht am Ende.

Genußfertiger ostfriesischer Tee mit "Wulkje"; © <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ostfriesische_Rose#/media/File:OstfriesischeRose_Tee.jpg">Stefan Scheer auf commons.wikimedia.org</a>, Lizenz: <a target="_blank" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en">CC BY-SA 3.0</a>
Genußfertiger ostfriesischer Tee mit „Wulkje“; © Stefan Scheer auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Das bereitgestellte Sahnegefäß mit „Rohm“ (fetter, flüssiger Sahne) nehmen Sie nun zur Hand und jetzt wird es wirklich schwierig. Sie ergreifen den geschwungenen Sahnelöffel, füllen ihn mit Sahne und balancieren ihn zur mit Tee und Kandis gefüllten Tasse. Nun „pladdern“ Sie die Sahne nicht in den Tee, nein, sondern Sie schweben wie eine gleitende friesische Möwe an den Innenrand der Tasse. Aber wehe, Sie berühren ihn! Während Sie dem Bogenlauf des Tassenrandes folgen, gießen Sie sanft die Sahne in den Tee (ohne die Teeoberfläche zu berühren, aber auch ohne zu weit über ihr zu schweben, sonst „pladdert“ es!) und vollenden nach vollbrachter Tat die elegante Bewegung, indem Sie den Sahnelöffel wieder zum Sahnekännchen zurückführen.
Kein leichtes Unterfangen! Das will dutzendfach geübt werden.
Doch sehen Sie nur, was geschieht, wenn Sie es den Göttern gemäß fachgerecht und ästhetisch umgesetzt haben: Erst war die Sahne verschwunden und sank zum Boden der Teetasse, um den Kandis mit einem Kuss zu begrüßen. Doch nun taucht die Sahne in dutzenden Punkten von unten wieder auf und verbindet sich an der Oberfläche zu Wolken! Der friesische Sturmhimmel – in einer Teetasse. Und mit ihm Ihre Glückseligkeit und das Staunen Ihrer Gäste.

Wir sind bereit, den Tee zu kosten, sobald wir uns an dem Anblick der „Wulkjes“ (Wölkchen) im Tee lange genug ergötzt haben.

Das Geheimnis der Verkostung: Von der magischen Zahl Drei und Wettergebeten an die Götter

Sie sollten in jedem Fall eine friesische Henkersschlinge aus Ankertau parat haben. Denn sollte es jemand wagen, den Löffel auf der Teeuntertasse zu ergreifen und den Tee UMZURÜHREN, dann ist er des Todes. Und zwar völlig zu recht. Denn dies würde die dreifaltige Genussschaft des ostfriesischen Tees vernichten und ihn auf die Stufe banaler Beuteltees degradieren.

Ostfriesischen Tee trinkt man in drei Stufen.
Der erste Schluck nimmt die an der Oberfläche schwebenden Sahnewölkchen mit auf. Sanft ist der Kuss der Ostfriesin beim ersten Mal! Zart wie Seide und mit einer Tiefe, die sich im Hintergrund des Teegeschmacks lediglich andeutet.
Der zweite Schluck ist ohne die Sahne und noch ohne den gelösten Kandis bitter – wie ein guter Rat von Ihrem alten Herrn …
Der dritte und finale Schluck verzückt Sie mit der Kandissüße und gewährt Ihnen einen Blick ins Paradies!

Der berühmte "ostfriesische Teekuchen" ist mit Worten nicht zu beschreiben und jenen Glücklichen vorbehalten, die in Ostfriesland leben - denn außerhalb des Landes kann man ihn nicht bekommen.
Der berühmte „ostfriesische Teekuchen“ ist mit Worten nicht zu beschreiben und jenen Glücklichen vorbehalten, die in Ostfriesland leben – denn außerhalb des Landes kann man ihn nicht bekommen.

Wozu dann der Löffel, fragen Sie?
Der Löffel ist lediglich vorhanden, um ihn in die Teetasse zu legen als Symbol und Geste, wenn Sie keinen Tee mehr möchten.
Es gab da einmal einen Pfarrer in Friesland, der als Hinzugezogener seine Runde bei den Damen der Gemeinde machte. Gastfreundlich, wie man in Ostfriesland ist, schenkte man dem Pfarrer Tee ein. Und zwar immer wieder. Seine Beteuerungen, er möchte keinen Tee mehr, wurden schlichtweg ignoriert. Als er nach der 12. Tasse Tee dann endlich seiner Verzweiflung Luft verschaffte, wies man ihn trocken darauf hin, dass es genügt hätte, wenn er seinen Teelöffel doch in die Tasse gelegt hätte.

Der in ostfriesischer Kultur kundige Gast hätte aber auch gewusst, dass er nach drei Tassen Tee seiner Gier Einhalt hätte gebieten müssen. Denn es heißt „Dree is Oostfresen Recht“. Drei ist der Ostfriesen Recht! Drei Tassen Tee stehen jedem Ostfriesen zu. Der Hintergrund ist aber typisch friesisch: Der Friese war durchaus pragmatisch veranlagt. In früheren Zeiten waren Fremde ein Gefahrenpotential und solange der Teebecher gefüllt war, konnte man den Fremden aushorchen, ob man ihn ausnehmen konnte oder sich gar mit ihm einließ. Nach drei Tassen Tee war die Entscheidung gefallen: Entweder er war ein Freund oder er war tot. 😉
Solcherlei Gefahren muss der heutige Ostfrieslandreisende natürlich nicht befürchten, denn von der Zweckmäßigkeit übrig blieb heute die Gastfreundschaft, die man dem angeblich verschlossenen Friesen in den Vorurteilen nicht zutraut. Doch wer dies glaubt, hat von Ostfriesland und den Friesen absolut nichts verstanden und sollte auf eine Tasse mit dem einen oder anderen Friesen einmal ausführlich „schnacken“.
Ich behaupte sogar, dass unter allen Norddeutschen die Friesen die warmherzigsten und mit einem herrlichen Humor ausgestattet sind, der sich aus der an Metaphern reichen plattdeutschen Sprache speist und Geist und Wesen durchdringt. Doch solche Geheimnisse entdeckt man am besten bei einer Tasse Tee …

Sie kennen nun den Ablauf der Ostfriesischen Teezeremonie.
Ihr Geheimnis aber müssen Sie selbst entdecken. Gleichgültig, ob Sie mit einem alten Friesen über vergessene Zeiten plaudern oder einer bildhübschen Friesin Avancen machen – die Zeremonie ist nie die gleiche und wandelt sich mit jedem Menschen und jedem Zeitpunkt, zu dem sie durchgeführt wird.
Es heißt auch, dass manchmal die Götter unsichtbar mit am Tische sitzen. Vielleicht erhören Sie Ihren Wunsch nach Sturm, Wind, Wolken, Regen und Erlösung von Hitzepein, auch wenn Sie im außerfriesischen Exil den ostfriesischen Tee trinken?
Selbst wenn es nicht so ist, dann bringt allein der Geschmack friesischer Wunder der Seele für eine kurze Weile Erinnerungen an Kaltwettererlebnisse und zaubert ein Lächeln auf die Lippen – selbst im schlimmsten Sommer.





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  • Evgeny Mansurov

    Mein Tee ist

    Nr. 870, Vietnam Yen Bai OP

    gibt es bei TeeGschwendner einmalige Preis-Leistungsqualität an alle Yunnan – Schwarzteefans 🙂

    • Den kenne ich noch gar nicht (und ich kenne verdammt viele ^^). Wie ist der Verkostungseindruck? Rauchig wie viele asiatische Schwarztees? Karamellig? Würde mich mal interessieren, ob sich ein Probekauf lohnen würde.
      Neben ostfriesischen Teefreuden trinke ich sehr gerne den „Schwalbennestertee“ (Tuocha) aus China. Es werden wohl noch ein, zwei weitere Tee-Artikel folgen ^^