Aufbau der künstlichen Schneewolke als Freiluftlabors in Obergurgl, © Klasz (Universität Innsbruck, Unit KOGE)
Aufbau der künstlichen Schneewolke als Freiluftlabors in Obergurgl, © Klasz (Universität Innsbruck, Unit KOGE)

Die Natur als Vorbild. Dies nahm sich kein Geringerer als der große Leonardo da Vinci in Anlehnung an die griechische Philosophie zu Herzen und erfand zahllose Instrumente und Apparate, die ihrer Zeit meilenweit voraus waren. Am Ende bekannte er dennoch: „Wenn auch der menschliche Geist durch vielfache Erfindungen mit verschiedenen Instrumenten auf dasselbe Ziel zugeht, nie wird er eine Erfindung machen, die schöner, leichter und kürzer wäre als die Natur“.

Die österreichische Firma mit dem passenden wie wohlklingenden Namen Neuschnee GmbH wandelt nun im Gleichschritt mit der Universität auf da Vincis Spuren und hat etwas erfunden, das Erwähnung verdient: Eine künstliche Schneewolke. Derzeit wird eine erste Versuchsanordnung als Freiluftlabor im österreichischen Obergurgl getestet. Das ehrgeizige Ziel lautet, bis 2016 einen Prototypen zu entwickeln oder sogar in die Produktion zu gehen.

Gründe für die Erfindung einer künstlichen Schneewolke

Bisher war man in Zeiten der Klimakatastrophe bei Mildwintern, deren Temperaturen so hoch waren, dass selbst imm Bergland Schnee selten wurde, auf Schneekanonen angewiesen. Diese Schneekanonen, wie man sie kennt, sind allerdings in zweierlei Hinsicht wenig hilfreich.
Zum Einen produzieren sie keine Schneeform, die für das Skifahren geeignet ist. Benötigt wird Pulverschnee und Schneekanonen können dies nicht in optimalem Umfang leisten. Zum Zweiten sind die Schneekanonen äußerst ineffektiv. Aus einem Kubikmeter Wasser werden lediglich zwei Kubikmeter Schnee. Die künstliche Wolke will aus der gleichen Menge Wasser 15 (!) Kubikmeter Schnee produzieren – und zwar feinsten Pulverschnee.

Der Wissenschaftler Michael Bacher hat dabei das Konzept der Schneekanonen gänzlich verworfen und ist mit der Natur als Vorbild an die Problematik herangegangen. Die künstliche Schneewolke soll in Zukunft dafür sorgen, dass auch bei ungünstigen Wetterlagen Schnee produziert werden kann und somit der Skitourismus in Zeiten der Klimakatastrophe stabilisiert wird.

Aufbau der künstlichen Schneewolke als Freiluftlabor in Obergurgl/Österreich, © Johannes Müller
Aufbau der künstlichen Schneewolke als Freiluftlabor in Obergurgl/Österreich, © Johannes Müller

Funktionsweise der künstlichen Schneewolke

Die künstliche Schneewolke wird in einer Leichtbauweise herstellt, wie der Geschäftsführer der Neuschnee GmbH Michael Bacher in dem obigen Video erläutert, die sogar sturmfest ist und sein muss – will die künstliche Wolke ja Schnee wie eine echte Schneewolke in luftiger Höhe erzeugen.

Auf einem Leichtmetallgestänge wird eine Membran gespannt, die das Innere schützt und behütet: Die Eiskammer, wo der Schnee entsteht und wie in der Natur gebildet wird. Von außen wird die Feuchtigkeit durch die Membran in die innere Kammer geführt, wo sie wie in einer echten Wolke um „Keime“ herum zu Schneekristallen kondensiert.

Momentan liegt das Manko der künstlichen Schneewolke noch in ihrer im Vergleich zur Schneekanone deutlich geringeren Schneebildungskapazität. Sie produziert zwar effektiver Schnee, aber langsamer. Michael Bacher, der Geschäftsführer der Neuschnee GmbH, sieht die „künstliche Schneewolke“ allerdings momentan nicht als Ersatz für Schneekanonen, sondern als Ergänzung an, um die Qualität des Schnees zu erhöhen und die Kosten zu senken.

 

Kommentar und Kritik

Ohne Frage ist die künstliche Schneewolke bereits jetzt ein Meilenstein. Allein der Ansatz, von der Natur zu lernen und dies gegen Widerstände durchzuführen, verdient höchste Anerkennung. In Zeiten der Klimakatastrophe, in der bei Mildwintern die Temperaturen immer weiter nach oben wandern, sind effektive Schneemaschinen unerlässlich, um noch etwas vom köstlichen Weiß zu sehen.

Auf der anderen Hand ist es bedauerlich, dass leider oft die Natur in den Ski-Gebieten ins Hintertreffen gerät und Wälder verschwinden. Abgesehen von der damit verbundenen Gefahr der Lawinenentstehung verschandeln Skilifte und Schneisen in der Bergnatur nicht nur im Winter die Landschaft. Ein maßvolles Auge und eine sinnvolle Abschätzung, wo Ski-Gebiete entstehen dürfen und wo nicht, wäre hier wünschenswert. Auf der anderen Seite stellt der Ski*-Tourismus vielerorts natürlich eine unerlässliche Einnahmequelle dar.

Ich persönlich konnte mit Ski*-Abhang-Pisten nie etwas anfangen und frage mich, wieso es so viele Menschen gerade in der subtilen Schönheit des Winters ausgerechnet dazu verleitet, die hirnlosere Art der Sommer-Aktivitäten eins zu eins auf den Winter zu übertragen. Da wird mit 150 km/h an der Schönheit der Natur vorbeigebrettert und vor der magisch schönen Schneenacht in Hütten geflüchtet, um sich lärmend und selbstnarkotisierend bei dem Unwort „Après-Ski“ das Licht auszupusten.

Wie entspannend ist im Vergleich doch das Ski-Wandern, bei der man die Natur kennenlernt und genießt. Es spricht auch nichts dagegen, in einer Winternacht unter dem Sternenhimmel zauberhafte Schneestimmung in Selbstversenkung zu erfahren, wenn das lauteste Geräusch in der allumfassenden Stille das Schlagen des eigenen Herzens ist.
Auch dies wird jedoch möglicherweise immer seltener in unserer Zeit – zwar bleibt die Anzahl von Kaltwintern stabil, doch die Mildwinter selbst werden bekanntlich immer wärmer. Hoffen wir, dass die künstliche Schneewolke dazu beitragen kann, den Verlust von Winterfreuden abzufangen.

Artikelbild: Aufbau der künstlichen Schneewolke als Freiluftlabors in Obergurgl, © Klasz (Universität Innsbruck, Unit KOGE)

  • HP

    Sicherlich eine interessante Entwicklung. Nur habe ich bereits gegenüber den Schneekanonen so meine Vorbehalte. Es geht halt nichts über Naturschnee und wir Menschen haben die Natur schon genug geschädigt. Da wäre ein wenig mehr Zurückhaltung schon angebracht.

    • Sehe ich subjektiv auch so. Allerdings kenne ich auch Freunde, die mir eine andere Lebenswirklichkeit gezeigt haben und wie sehr das Überleben in den Ski-Regionen vom Tourismus abhängt. Der Idealismus möchte gerne die Natur schützen, der Pragmatismus die Menschen versorgen. Die richtige Mitte zu finden ist nicht leicht und das wollte ich in dem Artikel auch in meinem Kommentar zum Ausdruck bringen.