Eisberge in der Nähe von Kanadas Ostküste sind nicht selten, sondern ein regelmäßiges Phänomen in der sogenannten „Iceberg Alley“. Ursache ist der Rückfluss der Meeresströmung von Grönland Richtung Süden, der im Rahmen der thermohalinen Zirkulation immer an Kanadas Küste entlang verläuft.

Eisberge als Zeichen der globalen Klimakatastrophe

Was ist normal im kanadischen Frühling?
Üblicherweise sichtet man im April 80 Eisberge, die vom Kalben an Grönlands Küste ihren langen Schmelzweg gen Süden antreten und dabei Kanada passieren. Doch in diesem Jahr sind es sage und schreibe 600!

Grob vereinfachte Darstellung der Thermohalinen Zirkulation. In Orange der Rückfluss, auf dessen Route die Eisberge an Neufundland/Kanada vorbeischwimmen. © NASA
Grob vereinfachte Darstellung der Thermohalinen Zirkulation. In Orange der Rückfluss, auf dessen Route die Eisberge an Neufundland/Kanada vorbeischwimmen. © NASA

Zwar muss man mit seriösen Belegen zum „Klimawandel“ vorsichtig sein. Doch angesichts der prognostizierten Entwicklung, die man bereits vor Jahren angedeutet hat und der Supererwärmung der sterbenden Arktis kann man diese erschreckende Entwicklung letztlich nur als eine weitere Fußnote der globalen Klimakatastrophe registrieren.
Die Folge wird nicht nur der Untergang der Arktis sein, sondern auch ein immer schneller erfolgender Anstieg des Meeresspiegels.

Dass der Eisberg im Video dann auch noch krachend zusammenstürzt, ist trotz aller Schönheit und Dramatik auch das passende Symbol für den Tod der Arktis, dem wir Menschen am Ende einer langen Kette kausaler Verkettungen vermutlich folgen werden.

Sind die Eisberge gar ein Beweis für ein beginnendes „Heinrich-Ereignis“?

Als „Heinrich-Ereignis“ stellt man sich zunächst vereinfacht das deutlich verstärkte Entstehen von Eisbergen in Grönland, ein dadurch hervorgerufenes Zusammenbrechen des Golfstroms und das daraus resultierende Auftreten von ganzen Eisbergflotten vor, die weit in südliche Regionen vordringen. Auf den ersten Blick passt insbesondere die Eisbergschwemme zu den Beobachtungen in Kanada und zu den Prognosen, die sich aus der Arktisschmelze in einer sich katapultartig aufheizenden Treibhauswelt ergeben.

Heinrich-Ereignisse der letzten Eiszeit

Allerdings wurden diese Heinrich-Ereignisse für die Eiszeit mehrfach belegt und nicht in Warmzeiten! Doch warum sollten Eisberge in Zeiten südwärts driften, wenn in der Eiszeit gar kein Schmelzen der Eisschilde vorliegt?

AMOC-Index: Schwächt sich analog zur exponentiellen Steigerung der Klimakatastrophe deutlich ab. © <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Amoc-index.svg">DeWikiMan auf commons.wikimedia.org nach Daten von Prof. Dr.. Stefan Rahmstorf</a>, Lizenz: <a target="_blank" href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de">CC BY 3.0</a>
AMOC-Index: Seine Abschwächung könnte eine Folge des Schmelzwassers und des sinkenden Salzgehaltes sein und macht Heinrich-Ereignisse denkbar. © DeWikiMan auf commons.wikimedia.org nach Daten von Prof. Dr.. Stefan Rahmstorf, Lizenz: CC BY 3.0

Dieser Widerspruch erklärt sich durch eine Systematik, die sehr komplex und noch nicht vollständig verstanden ist. Es gibt eine ganze Reihe von möglichen Ursachen, die dazu führen, dass die Eisschilde natürlich auch in Eiszeiten kalben, plötzlich gewaltige Mengen von Eisbergen produzieren und dadurch den Salzgehalt im Nordatlantik verringern (das Eis der Berge besteht logischerweise aus Schnee, also Süßwasser). Die daraus resultierenden Schwächungen des Nordatlantischen Tiefenwassers (NADW, North Atlantic Deep Water) und der Umwälzpumpe am nördlichen Punkt des Golfstroms bei Island (AMOC, Atlantic Meridional Overturning Circulation) könnten Teil eines globalen Zyklus sein, bei dem Schwäche und Wiedererstarken sich abwechseln. Denn das NADW als kaltes, in große Tiefen absinkendes, schweres Wasser entsteht bei Grönland und erreicht im Laufe von etwa 1000 Jahren den Südpol. Erwärmung und Abkühlung im Rahmen der globalen Strömungszirkulation spielen sich somit auf globalem Maßstab in langen Zeitskalen ab. Das Ende einer Eiszeit resultiert daraus grundsätzlich erst einmal nicht.

Heinrich-Ereignisse könnten sehr schnell auftreten

Diese Argumente deuten darauf hin, dass ein kurzfristiges Ereignis wie die 600 Eisberge vor Kanadas Küste eine völlig andere Ursache haben, zumal wir uns nicht in einer Eiszeit befinden, sondern im Gegenteil mittlerweile.
Dennoch zeigen die Untersuchungen, dass das massive Vordringen von Eisbergen aus Grönland Teil der (aus geologischer Sicht) blitzartigen Eisschmelze unserer Zeit zu einer Verringerung des Salzgehaltes führen wird. Dies aber ist eine der Voraussetzungen für Heinrich-Ereignisse. Denn Heinrich-Ereignisse könnte man grob vereinfacht so charakterisieren:

1. Durch bisher unbekannte Mechanismen kommt es zu einer verstärkten Produktion von Eisbergen in Grönland
2. Diese schmelzen bei ihrer südlichen Route und bereichern den Golfstrom mit Süßwasser.
3. Der Golfstrom schwächt sich ab oder bricht sogar ab.
4. Die weiterhin entstehenden Eisbergmassen driften nun nicht mehr auf der Rückstromrichtung des Golfstroms, sondern im gesamten Atlantik.

Man könnte nun hypothetisieren, dass die bereits erfolgte Grönland-Schmelze der letzten Jahrzehnte ausgereicht hat, um ein Heinrich-Ereignis auszulösen und das wir Zeuge dieser Folgen in Kanada sind. In der Forschung geht man von bereits geringen Mengen des Süßwassereintrags aus, welche lediglich 0,15 Sv betragen, welche ausreichen, um Heinrich-Ereignisse auszulösen. (Quelle: S. Rahmstorf et al.: Thermohaline circulation hysteresis: A model intercomparison. In: Geophysical Research Letters. 32, Nr. 23, 2005, S. L23605).
Zur Einordnung: Sv ist „Sverdrup“, eine Einheit, die die Stärke eines Wasserstroms in Wasservolumen pro Zeiteinheit definiert.
1 Sverdrup ist definiert als 1 Millionen Kubikmeter pro Sekunde 1Sv = 106m3s-1. Um das einzuordnen, stellen wir einmal die Stärke einiger Wasserströme gegenüber:

Golfstrom: 150 Sv
Amazonas: 0,2 Sv
Alle Flüsse weltweit: 9 Sv

Die benötigten 0,15 Sv sind also außerordentlich gering, vor allem wenn man sie mit dem betroffenen Golfstrom vergleicht.
Wir haben demnach zwei Faktoren, die parallel nebeneinander wirken: Zum einen die rapide Schmelze der Arktis (Grönland) und der Golfstrom, der nicht nur aufgrund der Salzgehaltverringerung durch das Schmelzwasser zusammenbrechen, sondern auch Heinrich-Ereignisse auslösen könnte, also eine massive Beschleunigung des Eisabgangs in Grönland in Form von Eisbergen. In dem Fall müssten deutlich mehr Eisberge von Grönland bis in südliche Regionen schwimmen. Man vermutet, dass bei früheren Heinrich-Ereignissen sogar Eisberge bis vor Portugal gesichtet wurden – eine durchaus surreale Vorstellung.

Heinrich-Ereignisse in unserer Zeit sind theoretisch möglich!

Heinrich-Ereignisse sind lediglich für die zurückliegende Eiszeit nachgewiesen, aber nur, weil die Eiszeit so lange angedauert hat. Mit anderen Worten: Ob es Heinrich-Ereignisse auch in Erwärmungsphasen wie der heutigen gibt, muss offen bleiben. Immerhin traten die Heinrich-Ereignisse bei sprunghaften, großen Erwärmungen innerhalb der Eiszeit auf, deren Erwärmungsendpunkt aber nach wie vor deutlich unter den heutigen Globaltemperaturen lagen.

Wird es auch in den kommenden Jahren zu einer "Eisbergschwemme" vor Kanada kommen?
Wird es auch in den kommenden Jahren zu einer „Eisbergschwemme“ vor Kanada kommen?

Wenn die massive Erhöhung der Anzahl von Eisbergen nicht nur ein Einzelfall ist, sondern jedes Jahr stattfindet und sich sogar verschärft, dann wird die Forschung gewiss alsbald das Thema der Heinrich-Ereignisse als klimatischen Kipppunkt der Klimakatastrophe aufnehmen. Solange jedoch gilt, dass die Eisberge von Kanada zunächst kein explizites „Heinrich-Ereignis“ sind, sondern isoliert als Folge der globalen Erwärmung zu sehen sind. Damit ist es nicht zwingend, dass der grönländische Eisschild im Zeitraffer zusammenbricht, der Golfstrom ebenso und bald Eisberge vor Portugal auftauchen. Allerdings würde es uns bei den sogenannten „Überraschungen“, mit denen die Wissenschaftler seit Jahren der sprunghaften, traurigen Entwicklung der Klimakatastrophe hinterherhecheln und sie immer weiter und deutlicher in den Details nach oben korrigieren müssen, auch nicht mehr wundern.

„Solange aber die Mechanismen, die diese schnellen Änderungen auslösen, und deren Dynamik nur in Ansätzen verstanden sind, können auch die besten Klimamodelle keine Aussagen über mögliche zukünftige schnelle Klimaänderungen machen.“
Prof. Dierk Hebbeln

Warnende Stimmen gibt es. Dierk Hebbeln, seines Zeichens Professor für marine Sedimentologie am Marum (Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen), weist nach (hier: Klimaschwankungen während der letzten Eiszeit), dass große Klimaerwärmungen auch in der Eiszeit innerhalb weniger Jahre erfolgen konnten. Bei jedem dieser Erwärmungen erfolgten auch Heinrich-Ereignisse. Die aktuellen anthropogen bewirkten Erwärmungen würden also in dieses Bild von Klimaschwankungen passen, auch wenn sie nicht natürlich, sondern künstlich vom Menschen initiiert sind. In diesem Fall müssten wir mit weitreichenden Folgen in den kommenden Jahren rechnen. Ein weiteres Beobachtungsfeld der Klimakatastrophe erwartet uns somit.

Artikel zum Thema
Prof. Dierk Hebbeln: Klimaschwankungen während der letzten Eiszeit
S. Rahmstorf et al.: Thermohaline circulation hysteresis: A model intercomparison. In: Geophysical Research Letters. 32, Nr. 23, 2005, S. L23605
Wikipedia: Heinrich-Ereignis




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  • Micha Bunsen

    Wieder einmal ein sehr gelungener – aber auch trauriger – Artikel von Dir.
    Allerdings hat man Dir bei dem Video einen Bären aufgebunden, da es sich um ein altes Video handelt, welches im August 2015 bereits auf YT hochgeladen wurde.
    Da ich dieses schon mal gesehen hatte, kam mir der Zeitpunkt sehr komisch vor.
    Hier mal der Link zum Original :
    https://www.youtube.com/watch?v=LTGzQNH35uI

    • Ich weiß, es war auch nur ein symbolisches Video um zu veranschaulichen, wie das aussieht ^^ Einfach geil! Leider kann ich unter dem Video nicht wie unter den Bildern einen Hinweis positionieren mit einer Erläuterung zum Video.

  • Winterfan

    Sogar nur ca 300 Kilometer nördlich der Azoren wurden schon Eisberge gesichtet in den letzten 140 Jahren
    https://www.navcen.uscg.gov/images/iip/pics/extreme.gif
    (c)www.navcen.uscg.gov

    • Ja, aber die Frage ist: Wieviele? (Nur eine Schwemme an Eisbergen wäre ein Heinrich-Ereignis, also ein Sprung der Quantität) Und: Ist das ein Einzelfall oder ein sich stetig verstärkender Trend?

      • Winterfan

        Hab irgendwo gelesen das dies ein 6 Jähriges Ereignis ist.