Grönländischer Eiskern mit Wasser (linke Seite des Eiskerns) aus einer Wasserschicht, 12 Meter unter dem Eis.
Grönländischer Eiskern mit Wasser (linke Seite des Eiskerns) aus einer Wasserschicht, 12 Meter unter dem Eis.

Die sogenannten „Überraschungen“, die die Eisschmelze Grönlands immer weiter in den Prognosen in die Höhe schnellen lassen, reißen nicht ab.
Waren es früher hunderttausende von Jahren, die es angeblich benötigen würde, bis Grönland eisfrei sein und der Meeresspiegel um 6-7 Meter steigen würde, so ist man mittlerweile bei wenigen Jahrtausenden angelangt. Es mehren sich Stimmen einer „Superschmelze“-Theorie, nach der die Eigendynamik der Rückkopplungsprozesse sogar noch schneller ablaufen könnten.

Sog. "Moulin" (frz., "Mühle") - ein Schmelzwasserkanal im grönländischen Eis, der im Gletscher verschwindet. Am Rand ist auch das "schwarze Eis" zu erkennen, wodurch die Albedorate abgesenkt wird und die Schmelze sich verstärkt. Es handelt sich um Staubablagerungen wenn Jahrtausende altes Eis freigelegt wird oder Tundrenbrände Aschepartikel ablagern. © <a target="_blank" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Athabasca.Moulin.jpg">China Crisis auf commons.wikimedia.org</a>, Lizenz: <a target="_blank" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en">CC BY-SA 3.0</a>
Sog. „Moulin“ (frz., „Mühle“) – ein Schmelzwasserkanal im grönländischen Eis, der im Gletscher verschwindet. Am Rand ist auch das „schwarze Eis“ zu erkennen, wodurch die Albedorate abgesenkt wird und die Schmelze sich verstärkt. Es handelt sich um Staubablagerungen wenn Jahrtausende altes Eis freigelegt wird oder Tundrenbrände Aschepartikel ablagern. © China Crisis auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Neben den Steigerungseffekten, die man hätte vorhersehen müssen (Schmelzwasserseen, die in einem Rückkopplungseffekt zu schneller Schmelze führen aufgrund geringerer Albedorrückstrahlrate der Sonne) kamen Überraschungen hinzu wie bakterielle Kolonien, schwarzes Eis (mit entsprechend geringerer Albedo und katapultartiger Erwärmung) und veränderte Meeresströmungen und Wetterbedingungen (Jetstreamveränderung, resonante Rossbywellen mit Hochschaukelung von Extremhitzelagen).

Nun kommt eine neue der endlosen „Überraschungen“ hinzu, die in der Tat dramatisch sind und aufzeigen, dass die Folgen einer entkoppelten globalen Treibhausgaskatastrophe weitaus vielfältiger und mit weitaus mehr Eigendynamik vonstatten gehen, als man bisher angenommen hatte: Mitten durch das von außen betrachtet feste Eis der Gletscher Grönlands bewegen sich innen unsichtbar Milliarden Tonnen Eis wie eine Welle und transportieren gewaltige Mengen Eis und Schmelzwasser in den Atlantik.

Wieviel Eis transportiert ein grönländischer Gletscher in den Atlantik?

Schmelzwassersee in Grönland im Jahr 2013. Die dunkle Färbung führt zu einer Reduktion der Sonnenrückstrahlrate (Albedo) und dadurch zu einem Rückkopplungseffekt mit gesteigerter Eisschmelze.
Schmelzwassersee in Grönland im Jahr 2013. Die dunkle Färbung führt zu einer Reduktion der Sonnenrückstrahlrate (Albedo) und dadurch zu einem Rückkopplungseffekt mit gesteigerter Eisschmelze.

Grönländische Gletscher, obwohl sie unbeweglich scheinen in ihrer gewaltigen Größe, unterliegen dynamischen Prozessen. Sie bewegen sich durch eine Schmelzschicht auf dem Boden, sie schmelzen im Sommer ab und nahmen früher einmal durch Schnee im Winter wieder an Umfang zu.
Doch sie führen auch Eis an den Endkanten am Atlantik in den Ozean, was man als „Kalben“ bezeichnet. Das Eis bricht in großen Stücken ab und schmilzt im (vergleichsweise) warmen Atlantik.

Als Beispiel sei der Rink-Gletscher im Westen Grönlands erwähnt, der pro Jahr auf diese Weise etwa 11 Gigatonnen Eis abschmelzen lässt, sprich 11 Milliarden Tonnen Eis.

Überraschung: Eiswellen erhöhen die Schmelzrate um 60%!

Im extrem heißen Grönlandsommer von 2012 entdeckten die Forscher jedoch, dass sich innerhalb (!) eines Gletschers Wellen von Eis bewegen. Dabei wurden zusätzlich zu den „normalen“ 11 Gigatonnen Eis noch einmal 6,7 Gigatonnen Eis transportiert und der Gletscher um diese Menge abgeschmolzen.

Animation der im Gletscher entdeckten Welle von 2012, mit der zusätzliche Mengen von Eis und Schmelzwasser transportiert wurden, © <a target="_blank" href="https://www.jpl.nasa.gov/">NASA</a>
Animation der im Gletscher entdeckten Welle von 2012, mit der zusätzliche Mengen von Eis und Schmelzwasser transportiert wurden (Klick auf das Bild startet die Animation), © NASA

Sehr heiße Sommer führen offenbar zu einem Schmelzvorgang nicht nur an der Oberfläche (der durch die albedoreduzierten Schmelzseen verstärkt wird), sondern auch im Inneren des Gletschers.
Zwar ist es denkbar, dass solche Superschmelzvorgänge nur in heißen Jahren auftreten, aber angesichts der Tatsache, dass die globale Erwärmung sich weiter beschleunigt, könnten diese Vorgänge im Rahmen der globalen Temperaturerhöhung irgendwann als Automatismus einsetzen.

Diese neuen Erkenntnis von „Wellen“ innerhalb eines Gletschers zeigen zusammen mit den „Überraschungen“ der letzten Jahre überdeutlich auf, dass die Wissenschaft nicht einmal annähernd in der Lage ist, die Eigendynamik der Folgen einer globalen Treibhauskatastrophe realistisch abzubilden.

Bildhintergrund: ©, <a target="-blank" href="https://www.flickr.com/photos/stignygaard/448189883/">Stig Nygaard auf flickr.com</a>, Lizenz: <a target=_blank" href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">CC BY 2.0</a>
Bildhintergrund: ©, Stig Nygaard auf flickr.com, Lizenz: CC BY 2.0

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich mit zunehmender Beschleunigung der Klimakatastrophe neue „Überraschungen“ zeigen, ist als sehr hoch einzustufen. Abgesehen von den fehlenden, belegbaren Ereignissen einer vergleichbaren Erwärmungsphase, die es in dem Zeitraum, in dem wir auf dem Planeten existieren und über technische Möglichkeiten verfügen, einfach nicht gegeben hat, ist es jedoch auch denkbar, dass allein die irrwitzige Geschwindigkeit der aktuellen klimatischen Katastrophe in Form von unnatürlichen, anthropogenen Massenemissionen von Treibhausgasen jegliche Regeln und Kausalitäten der Vergangenheit außer Kraft setzen. Selbst in der Vergangenheit indirekt belegbare Warmzeiten werden somit um den Faktor 1000 oder mehr von unserer klimatischen Selbstvernichtung in den Schatten gestellt. Der Kataklysmus der Folgen ist somit ebenso wie die Ursachen außer Kontrolle und letztlich nicht vorhersagbar.

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  • Leon

    Danke dir für den Artikel.
    Und es ist ganz genau so wie du sagst, es wird noch mehr dieser „Überraschungen“ geben.
    Es ist sehr wahrscheinlich das noch einige sich selbst beschleunigende Prozesse gibt, die der Klimaforschung noch nicht bekannt sind.
    Ich hoffe einfach das es genauso auch noch Prozesse gibt die es etwas Bremsen, auch wenn die Wahrscheinlichkeit das es sich positiv auswirkt aufgrund der extremen Treibhausgas Emissionen.

  • MINDERQUEST

    Die höchstsommerliche Dauerbestrahlung beginnt… rettet sich wer kann!!!