Denn wir alle sind (zukünftige) Tote, die mit Toten leben. Memento moriendum esse!
Denn wir alle sind (zukünftige) Tote, die mit Toten leben. Memento moriendum esse!

Empfohlene Hintergrundstimmung beim Lesen: Kammarheit – The Starwheel oder The Fog Expanded Soundtrack

Pfarrer Stephan Freytag betete, denn es war der Tag der Toten.
Allerdings faltete er die Hände nicht, um der Verstorbenen zu gedenken, deren Leiber, verschlossen vor den Augen der Lebenden in ihren Eichenholzgrüften unter der Erde, verfaulten. Und er bat auch nicht Gott um Gnade für die Seelen der am heutigen Tag Sterbenden, nein, er bat inbrünstig um Beistand für die Verirrten, die glaubten, dass das heidnische Halloween-Fest* irgendeine Bedeutung hatte.
Kopfschüttelnd löschte er mit einem Eisenhütchen die Altarkerzen seiner kleinen Kapelle, die am Rand des herbstlichen Waldes gelegen war. Zischend verstummte die Flamme und schwarzer Rauch kräuselte sich wie eine verdorbene Seele um den schwarz gebleckten Kegel des Kerzenlöschers.

Die nachmittägliche Messe war beendet und die Kirche war leer. Pfarrer Freytag genoss die Stille, in der die Heiligkeit Gottes so viel deutlicher spürbar war als während der Messe. Erneut kopfschüttelnd dachte er daran, dass einige seiner Schäfchen es sogar gewagt hatten, in befremdlicher Kostümierung seiner heiligen Handlung beizuwohnen. Zombies* und Vampire*! In seinen heiligen Hallen! Man konnte meinen, man sei wieder in die Zeit vor der Christianisierung zurückversetzt worden. Es fehlte nicht viel und man würde bald Opfertiere auf den Altären Gottes schlachten und das Andenken Christi noch mehr entweihen, als es ohnehin bereits geschah.
Was fanden die Menschen nur an diesem amerikanischen „Halloween“? Wussten Sie nicht, dass es heidnische Riten waren, die bereits vor Jahrtausenden von den Kelten praktiziert worden waren in Zeiten, die weitaus dunkler als das Mittelalter waren?

© <a target="_blank" href="https://www.flickr.com/photos/the-o/5193338959">David Ohmer auf flickr.com</a>, Lizenz: <a target="_blank" href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/">CC By 2.0</a>
© David Ohmer auf flickr.com, Lizenz: CC By 2.0

Er atmete tief durch, doch ein Hauch von Kerzenruß verirrte sich dabei in seine Lunge und er hustete. Das Geräusch echote in den Hallen der Kapelle und erweckte in Stephan Freytag kurz den Gedanken, dass das unheimliche Geräusch von einem Toten aus der Gruft unter der Kapelle stammen könnte, der verzweifelt zu atmen versuchte. Wütend legte er den Kerzenlöscher beiseite und schritt den zentralen Gang zwischen den Betbänken in Richtung Kirchenportal. Jetzt fing er auch schon an, wie diese Verirrten zu denken!

Der Kirchenmann mit dem schütteren Haar, das gleich einer Tonsur seinen Kopf grau umkränzte, wollte das Portal abschließen, doch der Schlüssel klemmte. Stirnrunzelnd zog er den Schlüssel aus dem eisernen Schloss und in den Schatten der nur noch spärlich beleuchteten Kirche blickte er auf den Schlüsselbart, um sich zu vergewissern, dass er den richtigen Schlüssel verwendete. Dabei fiel ihm auf, dass sich etwas unter dem Kirchenportal hindurchkräuselte. Wie Finger griffen Ranken aus grauen Schatten unter der Tür hindurch, einem lebendig Begrabenen gleich, der versuchte, den Sargdeckel zu heben, bevor es zu spät war …

Der Pfarrer erinnerte sich an einen seiner Vorgänger, der anno 1647 kurz vor Ende des Dreißigjährigen Krieges auf mysteriöse Weise verschwunden war. Er hatte seine Schäfchen vor der brutalen Willkür eines schwedischen Landsknechtsfeldherrn bewahrt und als die Schweden in ihren bunten Gewändern aus gelb-blauem Wams und mit bunten Federn an den eisernen Helmen unter den fröhlichen Flötenklängen die Einwohner des nahen Dörfchens ermordet, die Frauen geschändet und die Häuser gebrandschatzt hatten, stellte sich der Pfarrer allein dem Feldherrn entgegen, der es auf die letzten Überlebenden und die Kirchenschätze abgesehen hatte.
Es heißt, der Kirchenmann habe mit Mut und Wortwitz den Feldherrn vor seinen eigenen Soldaten in die Enge getrieben, sodass diesem nur noch der Abzug blieb. Doch einige Tage später war der mutige Pfarrer plötzlich verschwunden. Es hieß, der Schwede habe ihn geholt, doch seine Leiche hat man nie gefunden.

Mit diesen düsteren Gedanken öffnete Pfarrer Stephan Freytag das Kirchenportal und erschrak. Nebel wallte wie eine undurchdringliche Wand vor seinen Augen und ließ die Laternen um die Kirche wie die Augen eines Leviathans erscheinen, der drohend die Kirchentür belagerte.
Wo bei Gott, dem Herrn, kam dieser Nebel so schnell her?, fragte sich der Pfarrer. Er hoffte, dass seine Schäfchen in dem aufziehenden Nebel heil zurück zu ihrem warmen und erleuchteten Heim gefunden hatten. Schon machte er sich daran, die Tür mit etwas mehr Druck zu schließen, damit der Schlüssel sein Werk verrichten konnte, als er einen Schrei hörte.
Stephan Freytag stutzte und das Echo des Schreis hallte in seinem Kopf wieder. War es ein Hilferuf gewesen? Oder doch nur das Röhren eines Hirsches hier im Wald? Unsicher starrte der Pfarrer in die wabernde Masse, die wie ein Totenhemd anmutete, das durch den kalten Wind bewegt wurde.
Stephan Freytag beschloss, dass es sich um ein Tier gehandelt haben musste und machte sich daran, die Tür rascher zu schließen, als er beabsichtigt hatte. Da ertönte der Schrei erneut.
Der Kirchenmann erstarrte. Es handelte sich nicht um ein Tier. Der Schrei klang menschlich, wenn auch dunkel und verzerrt, doch das musste wohl am Nebel liegen …

Kurzentschlossen griff Stephan Freytag nach der großen Stabkerze an der Kirchenwand, die noch brannte. Mit der großen Kerze in der Hand trat er nach draußen in den Nebel und schloss von außen seine Kapelle ab. Das Schloss funktionierte nun einwandfrei, ohne sich mit einem Klemmen zu wehren.
Er drehte sich um und schritt den Weg entlang, der in den Wald führte, denn Stephan Freytag war sicher, dass der Schrei im Wald erklungen war und nicht vom Dorf, das am Ende des rechts gelegenen Weges in einiger Entfernung begann. Wenn jemand seiner Hilfe bedurfte, dann musste er zur Stelle sein. Das war es, weswegen er auf dieser Erde weilte und weshalb ihn Gott an diesen Ort gesandt hatte. Der Pfarrer nickte entschlossen. Vermutlich waren es auch nur einige Jugendliche, die glaubten, es sei angemessen, zu Halloween eine gruselige Party im Wald zu feiern. Die Lippen des Pfarrers verengten sich zu einem Strich. In diesem Fall würde er ihnen ordentlich die Leviten lesen und sie lehren, dass aus heidnischen Irrungen nichts Gutes entstehen kann!

Der Nebel wurde immer dichter und Stephan Freytag zog seine schwarze Soutane enger um sich, denn es fröstelte ihn. Solch einen Nebel hatte er noch nie in all den Jahren erlebt und eigentlich sollte er in diesem Wald überhaupt nicht möglich sein.
Knirschen erklang hinter ihm, als folge jemand seinen Schritten. Stephan Freytag drehte sich um, bereit, einem Jugendlichen im vermutlichen Zombiekostüm eine Gardinenpredigt zu halten, doch er blickte in Nebel. Irritiert runzelte er die Stirn und lauschte, doch die Stille war auch durch den Nebel umfassend. Die Flamme seiner Kerze in der Hand knisterte durch die Feuchtigkeit, erleuchtete jedoch kaum mehr als den Bereich bis zu seinen Schuhspitzen. Unsicher ging er einige Schritte zurück, um auf dem feuchten, mit Herbstblättern übersäten Pfad Spuren zu entdecken. Und er erschrak, als er tatsächlich Schuhabdrücke im aufgeweichten Boden erkannte, bis ihm aufging, dass es sich um seine eigenen Spuren handelte.
Stephan Freytag schüttelte den Kopf, da erklang hinter ihm wieder der Schrei und er zuckte zusammen. Es klang immer noch nicht wirklich menschlich, mehr wie das Röhren eines Sterbenden. Allerdings war es lauter und somit vermutlich näher gewesen. Es musste abseits des Weges gewesen sein.
Der Pfarrer zögerte. Sollte er wirklich in diesem Nebel den sicheren Weg verlassen und sich in das Unterholz begeben? Als ahnte etwas seine Gedanken, erklang der unheimliche Schrei erneut und bestätigte den Kirchenmann in seiner Vermutung, dass der vermeintliche Hilferuf aus den Tiefen des Waldes erklungen war. Stephan Freytag schloss kurz die Augen und rief die Hilfe der Heiligen Jungfrau Maria an, dann fasste er die Kerze fester und schritt über das herbstliche Unterholz abseits des Weges in den Wald hinein.

© <a target="_blank" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Brocken_spectre#/media/File:Night_spectre_of_the_brocken.jpg">Brocken Inaglory auf commons.wikimedia.org</a>, Lizenz: <a target="_blank" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5/deed.en">CC BY-SA 2.5</a>
© Brocken Inaglory auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 2.5

Stephan Freytag streckte die Hand aus, um nicht versehentlich nähere Bekanntschaft mit einem Baum zu machen, denn der Nebel war so dicht, dass die Bäume erst kurz vor ihm als dunkle Schatten sichtbar wurden. Er schalt sich, dass er nicht eine Taschenlampe mitgenommen hatte und stattdessen mit einer Kerze im Wald herumlief, doch er musste die Quelle des unheimlichen Schreis finden!
Erneut wiederholte sich der Schrei und führte den Pfarrer immer tiefer in den Wald hinein. Schon bald hatte er sich vollständig verirrt und war auf den Schrei angewiesen, der ihn wie ein Lotse durch den Wald zu führen schien.
Plötzlich knackte hinter ihm in der Stille des Waldes ein Ast wie ein Musketenschuss!
Ängstlich fuhr der Pfarrer herum und Wachs spritzte von der Kerze auf seine Soutane. Hinter ihm standen die Schatten der Bäume wie Tote, doch niemand war in Sichtweite zu erkennen. Dem Kirchenmann fuhr es kalt den Rücken herunter. Hörte er nicht ein Atemgeräusch? Versteckte sich jemand hinter den Bäumen? Oder knapp außerhalb seiner stark begrenzten Sichtweite? Beinahe pustete er die Kerze aus, als ihm einfiel, dass der Verfolger ihn durch das Licht orten konnte. Doch dann ahnte er, dass er im stockdusteren Wald ohne das Licht verloren wäre.

»Hallo? Ist dort jemand?«, rief er in den Nebel und das feuchte Totenkleid der Natur fraß seine zitternden Worte. Er schluckte, als ihm nur Stille antwortete. Mit der anderen Hand fasste er sein schlichtes Holzkreuz, das an einer Kette von seiner Brust baumelte und nahm seinen Mut zusammen. Vorsichtig schlich er einige Schritte zurück und erwartete bereits, dass jemand oder etwas hinter den Bäumen hervorschoss, um ihn anzugreifen. Dabei übersah er den Boden, stolperte und fiel in das faulende Laub. Verzweifelt reckte er noch im Fallen die Hand mit der Kerze hoch. Die Flamme flackerte, verkleinerte sich bis zu einem winzigen Punkt und schien auszugehen. Im Liegen schirmte der Pfarrer die Flamme ab und hielt den Atem an. Dann wuchs sie wieder, bis sie in gewohnter Kraft schien und Stephan Freytag erleichtert aufatmete.

Er richtete sich auf und blickte auf die Stelle, wo er gestolpert war. Das spärliche Licht der Flamme spiegelte sich in einem matt glänzenden Gegenstand, der die Ursache seines Sturzes gewesen sein musste. Behutsam kniete sich der Pfarrer nieder und betastete einen gewölbten Gegenstand aus Eisen, der halb aus dem Boden ragte. Es gelang Stephan Freytag, mit einer Hand das Objekt aus dem Boden zu ziehen. Er führte die Kerze heran und beleuchtete seinen Fund, der erstaunlich schwer in der Hand lag. Ein Helm*! Genauer gesagt, ein Soldatenhelm aus dem Dreißigjährigen Krieg! Er war wie ein Sattel gebogen und besaß oben einen langgezogenen eisernen Kamm, der stark verrostet war, doch insgesamt hatte der Helm die knapp vierhundert Jahre gut überstanden.
Dem Kirchenmann fiel wieder die Geschichte seines Vorgängers aus dem Jahre 1647 ein, als erneut der Schrei durch den Nebel röhrte.

Mit neuem Mut nahm Stephan Freytag die Spur wieder auf und folgte dem unheimlichen Geräusch. Er war inzwischen müde und der allgegenwärtige Nebel zerrte an seinen Nerven. Die Luft war feucht und schmeckte seltsam metallisch und dann hörte er plötzlich Stimmen. Sofort stand der Pfarrer still und lauschte. Dieses Mal waren es eindeutig menschliche Stimmen, die aus weiter Ferne erklangen. Er verbarg sich hinter dem Baum, neben dem er stand und atmete flacher.
Die Stimmen kamen näher und er konnte sogar verstehen, was sie sagten. Allerdings schien es sich um eine fremde Sprache zu handeln. Zwischen den Schatten der Bäume vor ihm gesellten sich plötzlich neue Schatten, die sich bewegten. Dunkle Schemen kamen näher und mit ihnen die Stimmen in der fremden, guttural wirkenden Sprache. Dann schälten sich Umrisse aus dem Nebel. Es wirkte beinahe, als habe der Nebel Menschenform angenommen, denn mehr war nicht zu erkennen außer seltsam großen Köpfen mit einem Kamm und weiten Hosen und länglichen Schatten, als hielten die Personen lange Stangenwaffen in der Hand. Schon sah es aus, als gewännen die Nebelkonturen endlich an Deutlichkeit und dem Pfarrer schien es, als führten die Männer einen Gefangenen mit sich. Jetzt ahnte er auch, dass es sich um Soldaten handelte, die die gleiche Art von Helm trugen, wie er ihn im Waldboden gefunden hatte.
Die Schatten der Soldaten lachten kehlig, dann sah Stephan Freytag, wie sie einen Mann ohne Helm auf den Boden stießen und sich die Stangenschatten hoben und herunterfielen. Die Schreie, die der Mann ausstieß, klangen wie das Röhren, das ihn in den Wald gelockt hatte. Freytags Gerechtigkeitssinn siegte über seine Angst und er rief laut »Halt! Lassen Sie den Mann in Frieden!«, doch die Schemen hielten nicht inne, auf den Mann am Boden einzuschlagen. Der Pfarrer verließ seine Deckung und er rannte mit wehender Soutane und der Kerze in der Hand auf die Gruppe zu, die plötzlich weiterzog. Endlich schien der Nebel vor ihm sein Geheimnis preiszugeben und er sah ein bestrumpftes Bein, an dem sich knotige Wadenmuskeln abzeichneten, aus dem Nebel auftauchen. Doch als er den Schemen vor ihm berührte, um ihn an der Schulter festzuhalten, löste sich die Gestalt auf wie der Rauch einer erlöschenden Kerze.

Irritiert und verwirrt blieb Stephan Freytag stehen. Konsterniert blickte er auf die Stelle, wo kurz zuvor noch eine Gruppe Soldaten gewesen zu sein schien. Schlotternd vor Angst öffnete und schloss er seine Augen, doch die geisterhaften Soldaten kehrten nicht zurück. Er fuhr zusammen, als erneut der altbekannte Schrei ertönte, dieses Mal näher als je zuvor. Hinter ihm knackte erneut ein Ast und er vermeinte ein düsteres Lachen zu vernehmen, das ihm Angst machte. Die Kerze fiel aus seinen zitternden Händen und erlosch auf dem nassen Waldboden. Der Kirchenmann floh in Panik und meinte, eilige Schritte hinter ihm zu hören, die ihm folgten. Oder waren es seine eigenen? Er wußte es nicht mehr.

Seine Flucht, sie mochte Sekunden oder Stunden gedauert haben, endete an einer Baumwurzel. Im Fallen vernahm er erneut das Schreien und dieses Mal direkt vor sich. Auf dem Boden liegend blickte er nach oben und sah, dass er auf einer Lichtung angelangt war. Ein gewaltiger, uralter Baum schälte sich aus dem Nebel und wirkte in seinem unnatürlichen Alter, das er erreicht haben musste, wie eine perverse Monstrosität. Äste wie verkrüppelte Gliedmaßen, bedeckt von knotigen Wunden wie schwärende Pusteln und von furchterregenden Ausmaßen, schwebten über der gesamten Lichtung und schienen alles erdrosseln zu wollen, was sich in unmittelbare Nähe wagte.

Galgenbaum während des Dreißigjährigen Krieges (Jacques Callot, Die Schrecken des Krieges)
Galgenbaum während des Dreißigjährigen Krieges (Jacques Callot, Die Schrecken des Krieges)

Nebel wallte um den Baum und schien ihn zu liebkosen. Am dicksten Aste des uralten Baumes sah der Pfarrer einen Schatten. Oder war es nur der Nebel? Er blickte angestrengt auf die Konturen, doch er konnte nicht sagen, ob sich der Nebel dort sammelte oder ob dort jemand baumelte. Ja, jemand baumelte an dem Ast. Deutlich sah Stephan Freytag die schmale, dunkle Linie eines Henkersstricks und die Leiche, die den Nebel durch ihr sanftes Schaukeln in Bewegung versetzte.
Und dann hörte er es. Das Knarren des Astes, als ächze der Baum unter der Last der Leiche. Oder war es der Gehenkte*, der seine letzten Atemzüge unter grauenvollen Schmerzen aushauchte? Es war der gleiche „Schrei“, der ihn an diesen Ort geführt hatte.
Mit weit aufgerissenen Augen starrte der Kirchenmann auf den nebligen Schatten der baumelnden Leiche, die wie ein hypnotisierendes Metronom des Grauens wirkte, bis er zur Besinnung kam und hektisch sich erhob, um den armen Mann vom Baum zu schneiden.
Schon war er unter dem Ast, an dem die Leiche knarrte, als sich das vermeintliche Opfer im Nebel auflöste wie die schwedischen Soldaten. Doch unter Stephan Freytags Füßen schimmerte helles Gebein und er kniete sich nieder. Halb von Erde bedeckt, grinste ihn ein Totenschädel an. Beckenknochen und Rippen ragten nicht weit entfernt aus dem Boden und als der Pfarrer den Schädel mit bloßen Händen ausgrub, zog er einen schwarzen Stoffrest aus dem nasskalten Erdreich, der wie der Rest einer Soutane anmutete.
Stephan Freytag fühlte plötzlich einen tiefen Frieden und eine noch tiefere Dankbarkeit, denn nun wusste er endlich, von wem er gerufen worden war an diesem heutigen Tag der Toten – Samhain. Und warum.
Er nahm sein Kreuz ab, segnete die Knochen seines Vorgängers und sprach die Worte der Totenmesse, damit dieser unerlöste Geist den Weg zurück zu Gott fand. Ein letztes Mal erklang das knarrende Geräusch und schien endlos in der Luft zu schweben, bevor es verstummte und nicht wieder zu hören war.

Den Ort des Galgenbaums hielt Stephan Freytag sein Leben lang geheim. Den knarrenden Schrei, der ihn zu jenem Ort geführt hatte, vernahm er nie wieder. Doch jedes Jahr am 31. Oktober schloss er die Kirche und ging zu jenem Baum in den Wald, dessen Stelle er stets wie in einem Traum fand und hielt eine einsame Messe zu Ehren des Pfarrers, der von den Schweden ermordet worden war und verhielt sich letztlich nicht anders als die Kelten am Tag der Toten. Denn wir alle sind (zukünftige) Tote, die mit Toten leben. Memento moriendum esse!

Ein gruseliges Samhain/Halloween wünsche ich :-)
Ein gruseliges Samhain/Halloween wünsche ich 🙂




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