Üblicherweise verstehen wir die Erde aus unserer alltäglichen Erfahrung als solide und nahezu unveränderlich in unserem Lebenszeithorizont.
Doch dies ist ein Trugschluss, der sich aus unserer beschränkten Sichtweise ergibt. Wenn Erdbeben auftreten oder Vulkane ausbrechen, ahnen wir, dass die gefühlten Wahrheiten nicht mit den tatsächlichen Realitäten deckungsgleich sind. Gerne wird daher die Erde mit einem Hühnerei verglichen, wobei die Kalkschale die Erdoberfläche darstellt. Doch auch dieser Vergleich hinkt, denn die Eierschale ist zersplittert in Kontinentalplatten und die Schalen sinken teilweise unter die andere und werden aufgeschmolzen, wobei an der Oberfläche Vulkane entstehen.

Weltweite Landhebungen nach der Eiszeit

Tatsächlich ist die Erde eher von einem flüssigen als von einem festen Charakter geprägt und dies zeigt sich vor allem in der Erdoberfläche, die wir falsch einschätzen: Das Gewicht, das auf ihr lastet, beeinflusst in der Verteilung der Massen alles andere in dem System ebenfalls mit! Die Summe der Menschen, die auf bestimmten Gebieten leben und die 30 Billionen Tonnen wiegende „Technosphäre“ fallen da weniger ins Gewicht als vielmehr die kompakten Eismassen, die sich in einer Zeitrafferschmelze durch die schnellste und höchste Erderwärmung der gesamten Erdgeschichte befinden.

Die postglaziale Landhebung zeigt vor allem in Kanada deutliche Hebungen und Senkungen.
Die postglaziale Landhebung zeigt vor allem in Kanada deutliche Hebungen und Senkungen.

Schmilzt das Eis, dann verringert sich der Druck, der auf diesem Teil der Erdkruste bzw. Kontinentalplatte lastet. Der Boden hebt sich und auch die Meere reagieren darauf, so wie sich der Wasserspiegel in einem Glas ändert, wenn man einen festen Gegenstand hineingibt oder herausnimmt.

Diese Entwicklung ist bereits seit langem unter dem Begriff „Glacial Rebound“, zu deutsch „Postglaziale Landhebung“ bekannt und wirkt sich über lange Zeiträume seit dem Ende der letzten Eiszeit vor 6.000 Jahren aus. Die Veränderungen der Klimakatastrophe mit ihren zeitrafferähnlichen Entwicklungen, die durch den Menschen 1000 mal schneller ablaufen als natürliche geologische Veränderungen führen allerdings zu Folgen, die erschrecken.
Die unterschiedlichen Landhebungen- und Senkungen auf der Welt durch die Massenveränderungen auf den Kontinenten und Kontinentalplatten führen zu einem deutlichen Unterschied des Meeresspiegelanstiegs in bestimmten Regionen.
So hebt sich in Kanada der Boden überdurchschnittlich an, während er nördlich und östlich Kanadas absinkt. In Europa senken sich der Süden Großbritanniens und Norddeutschland ab. Dies führt wiederum dazu, dass bei einem Meeresspiegelanstieg durch die Eisschmelze diese Region stärker überflutet werden könnten, wenn sowohl die Landsenkungen wie auch der Meeresspiegelanstieg sich im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte verstärken.

Die flüssige Erde und ihre dramatischen Auswirkungen

Doch die Auswirkungen der Massenveränderungen sind weit dramatischer, als viele glauben. Denn der Boden, auf dem wir stehen, ist nur eine 50 km dünne Schicht. In den Ozeanen ist sie sogar nur 10 km dünn. Darunter befindet sich zähflüssige Gesteinsschmelze. Wir alle schwimmen also im Grunde auf schwankenden Platten wie auf einem Boot, das mitten auf einer Kugel aus geschmolzenem Gestein dahindümpelt.

Mögliche Szenarien des weiteren Verlaufs des Meeresspiegelanstiegs, (c) NOAA
Mögliche Szenarien des weiteren Verlaufs des Meeresspiegelanstiegs beruhen nur auf einem Mittel aller Messungen. Untersuchungen der NASA zeigen aber, dass die regionalen Anstiege das drei- oder vierfache betragen können. (c) NOAA

Die überraschende Schlussfolgerung daraus ist jedoch, dass die mittlerweile sich überschlagenden Massenveränderungen durch Eisschmelze globale Folgen haben. Diese Folgen benötigen nicht etwa Monate oder Wochen, sondern erfolgen im Grunde augenblicklich.
Ein Beispiel: Wenn das Packeis der Westantarktis, auf das die Forscher seit Jahren ihr besorgtes Auge haben, schmilzt, dann führt dies durch die gewaltige Hebung des antarktischen Kontinents und durch die ebenso gewaltige Masse der Ozeane zu einem Meeresspiegelanstieg an der Ostküste der USA nicht etwa um 10-15 cm, wie es global im Mittel geschieht. Statt dessen werden dort 40 cm zusätzlicher Meeresspiegelanstieg erwartet aufgrund der dynamischen Folgen einer „flüssigen Erde“, auf der wir leben – und New York würde untergehen. In anderen Regionen der Welt hingegen wird der Meeresspiegelanstieg geringer ausfallen, weil sich dort die Landmassen heben statt absenken.

Zusammengefasst ergeben sich beunruhigende Schlussfolgerungen aus den neuen Erkenntnissen. Die Klimakatastrophe, ausgelöst durch massive, nie zuvor gesehene Veränderungen, die der Mensch hervorruft, lässt die Erde unter unseren Füßen schwanken und sich bewegen. Die Vorstellung, die Klimakatastrophe verbrenne einen unveränderlichen Steinball Erde ist somit nicht nur simpel, sondern auch grundlegend falsch!
Die Erde, obwohl ein riesiger Körper, ist empfindlicher als wir denken und die Folgen – wozu auch eine Zunahme von Erdbeben und Vulkanausbrüchen zählen – könnten in Zukunft dramatisch werden, weil wir die Zusammenhänge zwischen unserem Verhalten auf Erden, den Kontinentalplatten auf denen wir leben und den Ozeanen bisher nicht berücksichtigt und nicht begriffen haben. Wir leben also im Grunde wie auf dünnen, schwimmenden Styroporplatten und testen soeben unwissentlich aus, was passiert, wenn wir diese zum Schwanken bringen.
Die nächsten Jahrzehnte werden zeigen, was sich aus diesen Entwicklungen, bei denen wir die Erde wie Knetteig durchwalken, ergeben wird.

Artikel
NASA: Glacial Rebound. The not so solid earth
Spiegel: Deutschland kippt
Deutsches Klimaportal: Schwindendes Eis lässt die Alpen wachsen




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  • MINDERQUEST

    Viele Leute wissen es nicht zu schätzen einen Sommer von 15-25 Grad zu haben. Und sind erst ab 27 Grad in der Nacht zufrieden… echt sad.
    Das sind dann die selben, die bei der „Kältewelle“ rumgeheult haben, weil mal eine Woche unter 5 war, aber WIR müssen deine Hitzewelle aushalten! ACHSO!

    • MINDERQUEST

      6 Upvotes, oha o_O

      • Wetten, dass kein Sofet darunter ist? 😉

        • MINDERQUEST

          Die Sofeten können das kalte Lüftchen in den Hals bekommen, dann wissen sie was gute Luft bedeutet!

      • 7 Upvotes 😉
        15 bis 25 Grad entsprechen – wie in meinem Profil zu sehen – auch meiner Wohlfühltemperatur, außerhalb des Winters. Ich hasse es, wenn es in den Sommerferien ausgedehnte, langanhaltende Hitzewellen gibt. Dann heißt es, tagsüber in der Wohnung zu vegetieren und das Haus nur morgens & abends zu verlassen. Das sind echt verlorene Ferientage….sehr frustrierend…

    • MINDERQUEST

      Successfully reached 10 upvotes! 😀

  • HaMa1975

    Ich hab vor einiger Zeit mal ne Doku über Grönland gesehen. Berichtet wurde u.a. über einen Fischer, welcher sein Haus direkt an der Küste hatte. Ein Jahr später hatte sich das Meer aufgrund der Landhebung (Inlandeisschmelze) ein paar Hundert Meter zurückgezogen – vor ihm lagen jetzt Salzwiesen und Festland. Grönland hebt sich dramatisch und kaum einem sind die Folgen wirklich bewußt.

    • Genau. Deswegen der Artikel. Diese mittlerweile sehr radikalen Entwicklungen als Folge der Klimakatastrophe kann man überall sehen, insbesondere in Skandinavien und Kanada. Wie und ob das Erdbeben und Vulkanausbrüche beeinflusst, würde mich brennend interessieren. Aber ich vermute, da gibt es momentan nicht einmal von der Forschungsfront verlässliche Informationen zu.

      • Mir war auch gar nicht bewusst, dass die Folgen der Klimakatastrophe sooo weitreichend sind, dass gar ganze Länder sogar abheben oder sinken – „nur“ weil es 1 – 2 Grad wärmer ist.
        Danke für den Artikel !

        • Ob das auf 1-2 Grad beruht, sei dahingestellt. Global gesehen ja. Regional gesehen sind da ja eher 20 Grad im Mittel mehr (Arktis aktuell) und letztlich handelt es sich seit mehreren tausend Jahren um einen anfangs schleichenden Erwärmungsprozess seit der letzten Eiszeit, der sich erst heute durch unsere Einmischung zu einer exponentiellen Entwicklung auswächst, deren Folgen dann in der Tat dramatisch sein werden und nicht mehr in geologischen Zeiträumen geschehen.

  • Eisbär

    Erschreckende Szenarien und dennoch höchst interressant.
    Ich hoffe darauf dass es noch irgendwelche, bisher nicht bekannte Gegenreaktionen gibt, die unsere bisher bekannten Lebensstrukturen schützen.

    Allein der Gedanke an die labilen Atomkraftwerke, im Zusammenhang mit der prognostizierten Dynamik der Erdplatte lässt mich vor Sorge erzittern.

    • Nicht, dass wir ohnehin schon Tschernobyl und Fukushima haben, aber der Mensch nimmt selbst die größten Katastrophen nach bereits ein paar Tagen als selbstverständlich hin statt etwas zu ändern.

  • Alptraum der Sofeten

    Danke für das Interessante Thema was du gut vertieft und verbildlicht hast. So hab ich das noch nicht gelesen aber wie du ja schreibst ist es auch noch ziemlich unerforscht. Eigentlich eine Frechheit, da es ja eigentlich zum Basiswissen gehören sollte bei „wie der Erde funktioniert“.

    • Das sehe ich allerdings auch so. Wobei diese Forschungen eben noch neu sind. Bis so etwas Basiswissen in der Schule wird, vergehen normalerweise Jahrzehnte ^^

  • Martin Fesenbeck

    Schnellste Erderwärmung ja, aber höchste? In der Kreidezeit gab es in den Ozeanen Durchschnittstemperaturen von 35 Grad! Davon sind wir wohl noch etwas entfernt. Aber klar ist, dass solche Temperaturen die absolute Katastrophe für uns wären.

  • Es sei denn der Golfstrom fällt aus ^^
    Ich denke zwar kurzfristig pessimistisch, langfristig aber optimistisch. Geburtswehen einer neuen Epoche sind immer brutal und grausam. Aber letztlich münden sie in einem komplett neuen Denken, weil die Erfahrungswirklichkeiten mit jeder neuen Generation schleichend wechseln und quasi „ausgetauscht“ werden. Damit ändert sich auch das Verhalten. Und wir stehen nicht einfach nur an einer neuen Epochenschwelle, sondern an einer Schwelle für die gesamte Menschheit, weil wir uns technisch und vom Potential so weit entwickelt haben, dass wir alles erreichen können aber uns auch komplett ausradieren können – beides sind Seiten und Risiken der gleichen Medaille. Ohne Risiko keine Chance auf den Preis einer besseren Welt.

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