Deutschland hat aufgrund der Hitze und der nachfolgenden Südwestlage starke Gewitter erlebt, die zum einen das Herz von Extremwetterliebhabern (Wexxer genannt) haben höher schlagen lassen. Zum anderen gab es jedoch auch Schäden, insbesondere durch Hagelschlag. Einen Eindruck gibt das Titelvideo vom Unwetter heute in Berlin, das schon beinahe ein apokalyptisches Gefühl aufkommen lässt.

Um die leidliche Diskussion um die Interpretationshoheit über Gewitter zu beenden: Man wünschte sich einerseits, dass der deutsche Sofet die in den überhitzten Krankenhäusern sterbenden vor allem alten Menschen als Folge von Hitzewellen (allein 70.000 im Jahr 2003) ebenso beklagt wie die Sachschäden durch Unwetter. Aber leider werden Unwetter ja als Störung der „Schönwetter“-Idiotie interpretiert und sind als Jammerfokus medienwirksamer als das stille Sterben in der Hitze … Andererseits sind natürlich Schäden an Mensch, Tier und Gebäuden oder PKWs durch die Gewitter-Naturgewalten ärgerlich und bedauernswert.

Beide Positionen brauchen auch gar keinen Anspruch auf alleinige Allgemeingültigkeit zu erheben, denn wie immer wir auch Gewitter und ihre Folgen subjektiv interpretieren: Wir können sie nicht beeinflussen, verändern, abschwächen oder verstärken. Sie passieren einfach. Mit den Folgen muss jeder so umgehen, wie er es für richtig hält – egal ob Sachschadensopfer oder lustvoll gesegneter Wetterextremanhänger.

Duisburger Hagelschlag

Los ging es mit den Extremen letzte Nacht, als schwere Gewitter Duisburg und das Ruhrgebiet trafen und mitunter beträchtliche Schäden anrichteten. Angesichts der Hagelkorngröße von etwa 3 cm muss das nicht verwundern.
Vereinfacht ausgedrückt entsteht Hagel in einer Gewitterwolke, weil Aufwinde die fallenden, schweren Regentropfen wieder nach oben schießen lassen, wo sie gefrieren. Auf diese Weise entstehen immer weitere Klumpen von Eis, bis die Dichte und das Gewicht groß genug ist, dass die Aufwinde überwunden werden und die Hagelkörner abregnen.

Das sieht dann folgendermaßen aus wie in Duisburg:

In Hessen: Extremwetter in Kassel und der Wetterau

Auch in Hessen gab es beeindruckende Starkregen- und Hagelereignisse:

Die Königsdisziplin für Gewitter: Superzellen

Allein der Name erzeugt Ehrfurcht und ruft alptraumhafte Szenen von Städte fressende Superzellen in das vorstellungsaffine Gehirn, das zu viele Gozilla-Filme gesehen hat. Doch was ist eigentlich eine Superzelle, auch „Mesozyklone“ genannt?
Wenn eine Gewitterzelle im Aufwindbereich an der Unterseite selbstständig für mindestens 30 Minuten rotiert, dann spricht man von einer Superzelle. Diese Gewitterzellen erstrecken sich oft über viele Kilometer und sind daher deutlich größer als die meisten Gewitter und äußerst eindrucksvoll anzusehen.
Der Meteorologe Thomas Sävert von kachelmannwetter hat dies in einem Artikel sehr gut zusammengefasst: Was ist eine Superzelle? (kachelmannwetter.com)

Das sieht dann beispielsweise so aus wie in Jena, wo eine Superzelle am 19. Mai 2017 beobachtet wurde:

Müssen wir mit weiteren Gewittern als Folge der Klimakatastrophe rechnen?

Während Meteorologen offenbar auf dem klimatologischen Auge völlig blind sind und zumeist aus einer fachlichen Scheuklappensicht lediglich die Entstehungsursachen von Gewittern sehen, so zeigt der Blick über den meteorologischen Horizont etwas anderes.

Wieviel mehr an Hitzeenergie (Watt pro Quadratmeter) kommt am Boden an? Faktoren der Erderwärmung, exemplarisch am Jahr 2005, Vergleichsjahr 1750; © "Komponenten des Strahlungsantriebs" by Arne Nordmann (norro) und Leland McInnes. Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/
Wieviel mehr an Hitzeenergie (Watt pro Quadratmeter) kommt am Boden an? Faktoren der Erderwärmung, exemplarisch am Jahr 2005, Vergleichsjahr 1750; © „Komponenten des Strahlungsantriebs“ by Arne Nordmann (norro) und Leland McInnes. Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Mittlerweile kann man durchaus zu recht behaupten, dass die Klimakatastrophe ihre Hände im Spiel hat bei der Zunahme von Gewittern und Tornados. Die Erklärung ist recht simpel und nachvollziehbar: Durch die weiter ansteigende Treibhausgasschicht der Atmosphäre aufgrund der wahnwitzigen anthropogenen Emissionen steigert sich der Strahlungsantrieb, d. h. die Energiemenge, die von der Sonne auf dem Erdboden ankommt.

Während früher 30 Grad als heiß galten, reden wir heute von 37 Grad und immer neuen Hitzerekorden.
Durch diese immer weiter steigenden Temperaturen bilden sich Hitzegewitter, wie wir sie aktuell erleben, da die Bedingungen für Gewitter (durch Temperaturabnahme labile Luftschicht in der Troposphäre, aufsteigende Bodenfeuchtigkeit und Kondensation in der Höhe) zwar nicht in ihrer Entstehungssystematik, aber hinsichtlich der Hitzevorbedingung gesteigert wird. Da die Bodentemperaturen sich verändern, die Temperaturen in der höheren Atmosphäre jedoch nicht in der gleichen Weise, verbessern sich die Aufwindbedingungen und somit die Entstehungsursachen von Gewittern.

Die Heftigkeit der Gewitter ist direkt mit der Klimakatastrophe verbunden und wurde bereits wissenschaftlich nachgewiesen. Das sieht nicht nur der Klimarat IPCC so, sondern auch Prof. Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, der auf eine schwedische Studie der Auswertung von Gewittern verweist (Scilogs: Warum die globale Erwärmung mehr Extremregen bingt).
Eine weitere Studie schlussfolgert bzgl. der Hagelereignisse in Deutschland das gleiche (allerdings nur für den Nordwesten und Süden) und ist trotz des statistischen Schwerpunktes lesenswert (englischsprachig): Mohr et. al., Development and application of a logistic model to estimate the past and future hail potential in Germany, in: Journal of geophysical research (2015). Mein Vorschlag: Einfach mal ausdrucken und gemütlich , wissensgenießerisch und langsam lesen statt sich die Staatspropaganda öffentlich-rechtlichen Irrsinns oder das Sofetenprogramm RTL anzutun!

Zwar ist aus dieser rein statistischen Sicht der Zeitraum für einhundertprozentige Belege zu kurz, so einige Wissenschaftler, aber das mag man durchaus als fehlende Formalia betrachten, jedoch nicht als argumentativen Ausschlusspunkt in der Sache.

Sind Tornadoverhältnisse wie in den USA auch für Deutschland denkbar? Hier: F3-Tornado in Washburn, Illinois, am 28.02.2017
Sind Tornadoverhältnisse wie in den USA auch für Deutschland denkbar? Hier: F3-Tornado in Washburn, Illinois, am 28.02.2017. Eher nicht,
da die geografischen Bedingungen nur regional vorliegen und auch nicht in dieser Heftigkeit.

Ich hatte die Frage des Zusammenhangs im letzten Juni 2016 in Bezug auf die damalige geradezu Schwemme von Tornadosichtungen bereits einmal gestellt: Der Tornadoschock in Deutschland. Von einer Zunahme von Tornados und Gewittern können wir mittlerweile glasklar ausgehen. Wie stark die Zunahme an Anzahl und Stärke sein wird, ist hingegen offen. Dies wird auch von den klimatischen Rahmenbedingungen abhängen und wie schnell sich diese ändern. Geht man von den radikaleren Theorien aus, dann hat sich seit Herbst 2016 das Klima global durch die sterbende Arktis entkoppelt und ist in einen Selbstbeschleunigungszustand übergegangen. In diesem Fall muss man tatsächlich mit dem Schlimmsten rechnen, zumal Deutschland sich deutlich stärker erwärmt als der globale Trend.

Schenkt man den eher verhalteneren Theorien das Vertrauen, dann wird es zwar eine Steigerung der Heftigkeit von Gewittern geben (wie wir sie seit Juni 2016 erleben) und auch eine Häufung von Tornados, aber diese wird ihre Begrenzung in den meteorologischen Rahmenbedingungen ihrer Entstehung finden.

Wie immer auch die Entwicklung sich weiter fortsetzen wird: Wir leben in „interessanten Zeiten“. Von der Zunahme von Extremregenüberflutungen, Hagelschäden und Tornados ist auszugehen. Ob man dies als gerechte Strafe für eine völlig irrsinnige Gesellschaft sieht, die in Zeiten einer globalen Klimaapokalypse in unverantwortlicher, ja geradezu himmelschreiend dämlicher Weise Hitze und Sonne hochjubelt, ob man sich nach der Normalität der Klimate der letzten Jahrhunderte sehnt oder ob man sich als Extremwetteranhänger über die Entwicklung im Spezialeffektekino der Natur freut, das ist jedem selbst überlassen.

  • Nicole

    Interessante Zeiten… Was ich hier im Erzgebirge jetzt schon einige Male beobachtet habe, ist ein stundenlang extrem dunkler Himmel, aus dem jedoch kein Tropfen Regen rauskommt. Höhere Wolken, ergo auch weniger Anziehungskraft auf das Wasser? Auch schlittern die aus Südwest kommenden Wolkenmassen immer hübsch am Kamm vorbei, es ist extrem trocken. Ich verstehe z.B auch nicht, weshalb der Dürremonitor des UFZ hier kaum Trockenheit ausweist, obwohl es im Verhältnis zu sonst wirklich staubtrocken ist. Bei Erdarbeiten in unserem normalerweise immer feuchten Lehmboden ist uns das aufgefallen. Wie ermitteln die ihre Daten? Feuchtesensoren im Boden oder aus reinen Niederschlagsmengen? Wird auch die erhöhte Verdunstung durch höhere Lufttemperaturen/intensivere Sonnenstrahlung berücksichtigt? Wird wohl noch wahrlich interessant werden, das Jahr 2017. Und manchmal denke ich, es werden wohl so manche Zeitgenossen als Strafe höherer Mächte annehmen, statt den Lebensstil zu hinterfragen und ändern zu wollen. Opferrolle ist einfach bequemer. Aber noch jubeln alle eingedenk der hübschen Wärme, die massenmediale Berichterstattung über Extremwetter findet ja erstaunlicherweise kaum noch statt- zumindest ist das mein Eindruck.

    • Denke ich nicht, dass der Nichtregen mit fehlender Schwere zu tun hat, sondern eher mit den Wetterlagen ^^ Wobei die Wolken sich durchaus belegtermaßen verändern: http://kaltwetter.com/venus-klimawandel-wolken-beschleunigen/

      Was das Helmholtzzentrum da macht, weiß ich auch nicht, das müsstest du die Jungs schon selbst fragen 😉 Wäre mal interessant wie die flächendeckend das ganze messen.
      Ansonsten kennt man ja die Massenmedien und die Wende von einer gehaltvollen journalistischen Berichterstattung (man schaue sich mal Nachrichten aus den 1970er und 1980er Jahren an…) zu einer lenkenden, manipulierenden Presse, die wissentlich und willentlich aus verschiedenen Motivationen (wirtschaftlich, politisch) Wahrheiten verzerrt und verdreht. Deutliches Zeichen für Mentalitäts- und Epochenwandel aus der Sicht des Historikers. Und das wird keine gute, entspannte Epoche ….

      • Nicole

        Habe mal nachgesehen. woraus sich der Dürremonitor speist. Offenbar ist es ein reines Computermodell, ohne realistische Messwerte, bis auf meteorologische Werte Temperatur/Niederschlag (die man ja bei vollautomatischer Messung auch nur mit Vorsicht genießen kann) -kann man nur hoffen,das das nicht Grundlage für Waldbrandwarnungen ist, denn bei uns ist der Boden wirklich knochentrocken. Hach…wie hübsch, die neue Welt der Computermodelle! http://www.ufz.de/index.php?en=40114 http://www.ufz.de/export/data/2/102877_mhm-logo.png

    • Dämonid

      Dass es nicht aus jeder dunklen Wolke regnet hat erstmal nichts damit zu tun,dass sich die Gewichtskraft mit zunehmender Höhe verringert. Der Unterschied zwischen Flachland und oberes Erzgebirge ist gering.

      Es hat was mit der Lufttemperatur zu tun. Je wärmer die Luft, desto mehr Feuchtigkeit kann sie binden. Das heißt, es kann sich mehr Wasser in der Luft sammeln, wenn die Luft wärmer ist.
      Ändert sich die Lufttemperatur der feuchten Luftmasse z.B. durch Aufsteigen(warme Luft steigt auf), dann wird nach der Zeit der Taupunkt unterschritten. Der Taupunkt ist die Temperatur, ab der sich beginnt Nebel zu bilden bei feuchter Luft. Also es bilden sich halt Wolken.

  • Wahnsinn. Das klingt hochspannend! Hab ich im Netz nicht gefunden. Oder meinst du die hier „rätselhafte Welt der Wolken“?
    https://youtu.be/rJ15lDcTSLU

    • Nicole

      Hihi, genau die Doku-zu doof zum Abtippen. 😀 Ist echt spannend, was da erzählt wird-us. auch dass die Wolkenbildung und deren Effekte aufgrund der Komplexität bisher nur sporadisch in Klimamodellen Berücksichtigung findet (wie so vieles…) Hier ein Link zu einem Artikel mit Referenzen zu den Bakterien, :O http://www.eniscuola.net/en/2017/02/24/bacteria-in-the-clouds/ die verursachen u.a. auch viele Pflanzenkrankheiten: Braunfäule bei
      Tomaten, Kastaniensterben und andere feine Sachen-bei Schneekanonen
      werden die Dinger auch zum Energiesparen verwendet. Das AWI ist derzeit wieder on tour in der Arktis zur Wolkenforschung-und unsere (gefühlt von ENVIA geponsterte) Tageszeitung will auch erstaunlicherweise drüber berichten. http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/SACHSEN/Saechsische-Forscher-wollen-am-Nordpol-Wettergeheimnisse-lueften-artikel9910488.php

      • hehe adjektivisches Vertauschen passiert schon mal ^^
        Werde ich mir mal bei einem passenden Zeitfenster antun die Doku. Ist noch vieles im Unklaren was die Wolkenforschung betrifft, die wurde lange Zeit arg vernachlässigt. Erst mit der Klimakatastrophe wird das Thema nun wichtiger.