Auch wenn es weit weg ist: Mittlerweile hat fast jeder von dem Hurrikan „Harvey“ erfahren, der in Texas/USA eine in der Tat biblische Flutapokalypse unvorstellbaren Ausmaßes anrichtet. Die Bilder (siehe weiter unten im Artikel) wirken surreal und wie die Zukunft, die die Menschheit im Rahmen steigender Meeresspiegel im 22. Jahrhundert erwartet.

Doch neben den dramatischen Bildern und dem wetterextremen Nerd-Hype um die unfassbaren Daten und Zahlen gehen wichtige Fragen oft unter:
Warum entstand der Hurrikan Harvey in dieser Form?
Und was hat das Ganze mit der anthropogenen Klimakatastrophe, die immer noch als pseudonatürlicher „Klimawandel“ verharmlost wird, zu tun?
Kann der Hurrikan unser Wetter sogar ändern, wenn er als Sturmtief zu uns zieht?

Entstehungsfaktoren des Hurrikans Harvey

Harvey ist nicht der erste Hurrikan, sondern Mitte August gab es bereits den Hurrikan „Gert“. Wieso kommt es in bestimmten Jahren zu einer ganzen Reihe von Hurrikanen und in anderen gar nicht? So herrschte 2015 und 2016 eine deutliche Flaute.

Dies hängt mit dem uns bereits bekannten Klimaphänomen El Niño und La Niña zusammen, sprich der ENSO: Der El Niño Southern Oscillation, die eben 3 Zustände kennt:
1. El Niño (zu warme Oberflächentemperaturen),
2. La Niña (zu kalte Oberflächentemperaturen) und
3. Einen neutralen/normalen Zustand.

In La Niña-Jahren nimmt die Häufigkeit von atlantischen Hurrikanen deutlich zu, in El Nino-Jahren ab.
Überprüfen wir das einmal, so stellen wir fest, dass in den Jahren 2015 und 2016 mit der Hurrikan-Flaute eben der bekannte Rekord-El Niño aktiv war.
Aktuell verzeichnen wir vor allem an der Küste Südamerikas (sog. Zone 1+2) einen La Niña, der sich auch halten wird. Harvey ist also folgerichtig eine Konsequenz der veränderten Bedingungen im Rahmen des Wasseroberflächen-/Atmosphäre-Systems.

Temperaturentwicklung der ENSO in Region 1.2 (Ostpazifik an der südamerikanischen Küste): Wir erkennen aktuell das Überschreiten der Grenze von 0,5, nach anderen Definitionen 0,8 Grad Celsius Anomalie unter dem Mittel zu einem La Nina-Zustand; © <a href="http://www.cpc.ncep.noaa.gov/products/people/wwang/cfsv2fcst/images3/nino12Monadj.gif">NOAA</a>
Temperaturentwicklung der ENSO in Region 1.2 (Ostpazifik an der südamerikanischen Küste): Wir erkennen aktuell das Überschreiten der Grenze von 0,5, nach anderen Definitionen 0,8 Grad Celsius Anomalie unter dem Mittel zu einem La Nina-Zustand; © NOAA
Temperaturentwicklung der ENSO in Region 3.4 (Zentralpazifik): Die Prognosen zeigen einen dramatischen La Nina auch im Zentralpazifik. Das wird definitiv Auswirkungen auf unseren Winter haben!; © <a href="http://www.cpc.ncep.noaa.gov/products/people/wwang/cfsv2fcst/CFSv2SST8210.html">NOAA</a>
Temperaturentwicklung der ENSO in Region 3.4 (Zentralpazifik): Die Prognosen zeigen einen dramatischen La Nina auch im Zentralpazifik. Das wird definitiv Auswirkungen auf unseren Winter haben!; © NOAA

Konkret bedarf es zur Entstehung eines Hurrikans einiger Grundbedingungen:
1. Die Wassertemperatur muss mindestens 26 Grad betragen.
2. Die Wasserfläche muss mehrere hundert Quadratkilometer groß sein (was im Golf von Mexiko und auf dem tropischen Atlantik der Fall ist)
3. Es muss sich ein Tiefdruckgebiet als Anfangsbedingung bilden. Dies ist als Folge von Luftströmungen der Fall, die von Westafrika auf den Atlantik ziehen.

Auch Harvey fing somit als kleines Tiefdruckgebiet mit afrikanischem Migrationshintergrund sozusagen an. Die Entwicklung speziell bei Harvey war ideal: Die Temperaturen waren sehr hoch auf dem Ozean und keine größeren Windunterschiede störten seine Weiterentwicklung. Als er nahe Rockport/Texas an Land ging, wurde er als Stufe 4 von möglichen 5 klassifiziert.
Weiterhin gibt es im Golf von Mexiko kaum Winde, sodass der Wirbelsturm sich nur langsam bewegt, dabei unglaubliche Regenmassen abregnen lässt und durch die Küstennähe weiterhin Feuchtigkeit aufnimmt und so nicht schnell an Stärke verliert, wie es oft bei anderen Hurrikanen der Fall ist.

Im Vergleich mit Stufe 5-Hurrikan Katrina 2005, der New Orleans verwüstete, nimmt Harvey nicht so schnell an Stärke ab und ist in seinen Auswirkungen möglicherweise ebenso tragisch und könnte sogar noch schlimmer werden, sollte seine Zugbahn zu einem zweiten „Landgang“ führen (siehe unten).

Weitere Details zur Entstehung von Harvey beim DWD: Wirbelsturm „Harvey“ – Entstehung einer Naturgewalt.

Zur Besonderheit der Gefährlichkeit von Harvey bei Kachelmann: Was Hurrikan Harvey so gefährlich macht.

Ist der Hurrikan Harvey eine Folge der Klimakatastrophe?

Aufgrund der soeben besprochenen Entstehungsbedingungen wissen wir, dass Hurrikane an sich keine Folge der Klimakatastrophe sind.
Allerdings könnte man behaupten, dass El Niño/La Niña durch die Klimakatastrophe nachweislich ja immer häufiger und stärker werden. Gerade El Niño wird als „Agent“ der Klimakatastrophe gesehen und führt bei seinem Auftreten zu einem gewaltigen, globalen Hitzesprung wie 2015/16, der uns im Grunde wie in einer Zeitmaschine ca. 30 Jahr vorwärts treibt und ahnen lässt, wie dramatisch die Situation im Jahre 2040 oder 2050 sein wird, bevor mit dem Abklingen des Klimaphänomens wieder eine allmähliche Rückkühlung stattfindet, auch durch La Niña.

Die Einflussfaktoren der Klimakatastrophe wirken jedoch auch noch auf andere Weise als über die ENSO. Die Temperatur der Ozeane nimmt nachweislich (siehe die globalen Klimaberichte) als Folge der treibhausgasgesteuerten klimatischen Globalkatastrophe deutlich zu. Die Physik und Meteorologie lehrt uns dabei, dass bereits 1 Grad höhere Temperaturen zu 7% mehr Feuchtigkeitspotential in der Atmosphäre führen.
Mit anderen Worten: Die Klimakatastrophe führt nur indirekt zu mehr Hurrikanen, steigert aber wohl deren Stärke und Dauer – wie man aktuell in Texas bei Harvey sieht.
Das hat auch mit dem immer langsamer werdenden Jetstream und stationären (sprich: unbeweglichen) Rossbywellen zu tun, die vorhandene Wetterlagen bestehen lässt und so ins Extrem treibt statt dass es über normale Klimafaktoren wie vor 40 Jahren zu Wetterwechseln kommt.

Dazu das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (englischsprachig): Storm Harvey: impacts likely worsened due to global warming.

Grundlagenartikel zum langsamer werdenden Jetstream: Wie der Klimawandel den Jetstream schwächt und Extremwetter hervorruft.

Folgen von langsaerem Jetstream und stationären Rossbywellen: Mai 2017: Extremwetter durch „Rossbywellen-Systematik Nummer 6“.

Haben atlantische Hurrikane Einfluss auf unser Wetter?

Bereits beim Hurrikan „Gert“ ist eine Beeinflussung zumindest von den britischen Inseln nachgewiesen: Was Hurrikan Gert mit unserem Wetter macht.

Wie kommt das eigentlich?
Die meisten Hurrikane richten Verwüstung an, wenn sie in den USA mit voller Stärke an Land gehen, wo sie normalerweise ohne den „Motor“ warmer Wassermassen schnell schwächer werden und zu einem tropischen Sturmtief sich abschwächen. Dieses wandert normalerweise weiter nach Norden und wird im Rahmen der Westdrift wieder auf den Atlantik gezogen und erreicht dann nach langer Reise schließlich als Sturmtief auch Europa, wie es beim Hurrikan Gert geschehen ist.

Auf meine Nachfrage meinte Jörg Kachelmann allerdings, dass eine meteorologische Einflussnahme selten geschieht, insbesondere, wenn man speziell Deutschland und nicht die britischen Inseln im Blick hat. Insofern sollte man also die Folgen der „Ex-Hurrikane“ nicht übertreiben und idealerweise selbst in den bei der wetterzentrale.de verfügbaren, stets aktuellen Karten einsehen.

Von Hurrikanen können wir in Deutschland allein schon von den Entstehungsbedingungen nicht betroffen werden. Wer aber denkt, wir wären absolute sicher vor Überflutungskatastrophen, der irrt. Atmosphärische Flüsse, sogenannte Arkstorms, könnten ähnliche Wassermengen abladen: Der biblische Sturm. Arkstorm.. Allerdings sind diese extrem selten.

Die dramatischen Folgen von Harvey in Zahlen und Bildern

Hurrikan Harvey ist der erste Hurrikan der Kategorie 4, der Texas seit 1961 wieder trifft.
Die Bilder zeigen einen der schönsten Hurrikane in dieser perfekten Form, den es je gegeben hat. Und gleichzeitig auch einen der Beängstigendsten.

Die Folgen eines Hurrikans brechen nicht über einen hinein wie ein Tsunami, sondern es geschieht schleichend. Der Wind nimmt immer mehr zu, bis er Orkanstärken erreicht und mehr: Bis zu 210 km/h wurden bei Harvey gemessen, was zu Tornadoähnlichen Zerstörungseffekten führt.
Apropos Tornados: Auch diese können durch das Aufeinandertreffen der von Nord und Süd herangeführten Luftmassenunterschiede bei einem Hurrikan an Land zu dutzenden entstehen und zwar zumeist auf der rechten Seite des Hurrikans.

Anschließend bringt der Hurrikan vor allem Regen. Und zwar Wassermassen unvorstellbaren Ausmaßes. Meldungen berichten von schätzungweise „11 trillion gallons of water“, was umgerechnet 40.700 Milliarden Litern entspricht.
Was das bedeutet, sehen wir in Houston und generell Texas aktuell. Man stelle sich unsere Autobahnen mit Wasser bis hoch zu den Schildern gefüllt vor:

Jörg Kachelmann sprach vor dem Landgang von Harvey von möglichen 1000 Litern pro Quadratmeter Niederschlag, bisher sind etwa 600 Liter pro Quadratmeter gefallen. Das entspricht der Jahresniederschlagsmenge von London. Zur Einschätzung: 10 Liter pro Quadratmeter wird im Südwesten Deutschlands als viel betrachtet innerhalb von 24 Stunden. Als Berlin den Rekordregen erlebte, sprachen wir von etwa 270 Litern pro Quadratmeter in 48 Stunden. 1000 Liter sind schlichtweg nicht mehr vorstellbar.

Sollten die schlimmsten Prognose eintreffen und Harvey könnte wieder auf den Atlantik ziehen, sich mit Wasser „aufpumpen“ und dann erneut an Land gehen oder die in der Langfrist möglichen neuen Hurrikane im September würden Wirklichkeit, dann kann man sich nicht vorstellen, was mit Texas geschehen wurde. Denn bereits jetzt sieht es dort auf den einstigen Highways so aus:

Das aktuelle Satellitenbild zeigt Harvey westlich und ein neues Sturmtief östlich, das sich zu Hurrikan „Irma“ entwickeln könnte. Hurrikan-Zwillinge sind durchaus nicht unüblich, wären aber für den Atlantik sehr selten und für die weitere Entwicklung eine Katastrophe.

Auch wenn Wetterextremanhänger dies möglicherweise als das Paradies bezeichnen: In dieser Form handelt es sich um eine unfassbare Naturkatastrophe, die viele Leben nicht nur von Menschen, sondern auch von Haustieren fordert und man kann nur hoffen, dass weitere Verschlechterungen der Situation nicht eintreten werden.
Für die Folgen der Laissez-faire-Bauvorschriften von Houston und der Trumpschen Vollidiotie einer Leugnung der Klimakatastrophe ist Harvey zumindest zwar nicht in seiner Entstehung, aber in seinen Auswirkungen eine schallende Dauerohrfeige. Ich bezweifle, dass man in Amerika daraus lernen wird und insofern ist Amerika auch ein typisches Synonym für den gesamten Zustand der Menschheit.

  • Leon

    perfekte Einordnung.
    Auch super erklärt in wie fern der Klimawandel Mitschuld trägt.

    Ich hoffe wirklich das der Hurricane nicht das schlimmstmögliche tut und eine Ehrenrunde dreht.

    • Auch wenn ich durchaus gerne sehen würde, was in unserer kranken Epoche möglich ist als Maximum: Das Leid von Menschen und Tieren dort ist jetzt schon weit überschritten als Maß. Es langt. Man sollte Trump aus dem Hubschrauber kicken damit er sich da mal freischwimmen kann und über den „Klimawandel“ nachdenkt.

      • Leon

        leider ist das absolut richtig.
        Ich denke mir immer man darf eigentlich nie gleiches mit gleichem vergelten
        (Christus lehren,Buddhismus, Hinduismus)
        aber die meisten Menschen scheinen ohne großes leid und viele viele Tote nichts zu lernen.
        Da müssen die Toten aber erst in die Tausende Gehen bis gehandelt wird, so „kleine“ Dinge wie verschwinden ganzer Ökosysteme oder die Katastrophen letztes Jahr in Braunsbach reichen leider nicht.

        Und auch mir tun die Haustiere und wilden Tiere besonders leid, denn sie sind mindestens genauso unschuldig wie kleine Kinder und müssen mit ansehen wie unsere gemeinsame Heimat durch profitier zerstört wird. tragisch

  • Sieht so aus, als trifft der Worst Case ein: Aktuell zieht Harvey wieder auf den Atlantik, um sich aufzupumpen und könnte dann bei einen zweiten Landgang noch mehr Regenmassen abladen. Das darf nicht wahr sein … https://twitter.com/pppapin/status/902299217481400321

  • Jessy Ca

    Erschreckend… Man hört es natürlich schon seit Tagen im Radio… Und ja es ist weit weg… Aber es sind ja auch bei uns schon Windhosen gesichtet worden, was hierzulande ja eher untypisch ist. Was Trump und seine Klimakatastrophenverweigerung angeht, dazu sag ich jetzt mal nichts…

    • Nein, Tornados sind in Deutschland, vor allem in der norddeutschen Tiefebene normal. Es werden jährlich zwischen 200 und 300 gesichtet. 2016 war bisher eine Ausnahme mit weit über 400 Sichtungen: http://kaltwetter.com/tornados-in-deutschland/

      2017 aber ist bisher sehr ruhig mit nur 117 Tornados bisher. http://www.tornadoliste.de/

      Ob durch die Klimakatastrophe tatsächlich die Tornados zunehmen, wird man sehen müssen. Dafür müssen wir längere Zeitskalen haben, z. B. bis 2030.
      Rein theoretisch ist es jedoch denkbar, dass wenn Tornados auftreten, diese durch das höhere Energiepotential in der Atmosphäre auch stärker ausfallen müssten.
      Dummerweise werden die Tornados durch die heute mit Handys vermehrten Sichtungen in ihrer Bedeutung unwissenschaftlich verzerrt. Früher hat man sie einfach nicht bemerkt oder sie wurden medial nicht gemeldet.

      Ich selbst bin überzeugt, dass zwar nicht die Wetterlagen für Tornados zunehmen, aber wenn diese auftreten (Windscherung), dann kommt es zu deutlich mehr Tornados und auch stärkeren. Das zu belegen, wird aber sehr schwierig sein, das gebe ich zu ^^

      • Jessy Ca

        Muss ich zugeben, dass es mir bisher entgangen ist, dass es in Deutschland so häufig zu Tornados kommt. Bislang kommt es mir doch eher untypisch vor…

        • Weil man selbst nie einen zu Gesicht bekommt und wenn man die Statistiken nicht kennt, denkt man, Tornados kommen nur in Amiland vor 😉

          • Jessy Ca

            Wenn man da in die Tornadoliste schaut, ist ein Großteil der Tornados nur auf dem Wasser aktiv. Darüber ständig zu berichten, wäre ja überflüssig. Aber da soll auch einer vor ein paar Tagen in Bottrop von der A42 aus gesehen worden sein. Davon hat man auch rein gar nichts mitbekommen. Auch nicht, dass es irgendwie windig war hier… das sind wahrscheinlich gerade mal kleine Wölkchen, die sich aus Jux mal einen Trichter zum Boden erlaubt haben um dann kichernd zu verpuffen… Auch uninteressant, darüber zu berichten… Aber solche Ausmaße, wie es in Amerika annimmt, wie Katrina oder jetzt Harvey… da fällt mir hier nur Kyrill und der Pfingststurm, der uns im Ruhrgebiet allerdings übelst getroffen hat, ein. BTW… das waren aber keine Tornados, oder?

          • Nö. Sturm ist erstmal Sturm.
            Zur Entstehung von Tornados benötigst du 2 Luftmassen, die sich in einem Winkel schneiden. Dann entsteht eine rotierende Luftsäule am Boden. Unter bestimmten Bedingungen (die noch nicht 100% wissenschaftlich erforscht sind) richtet sich diese Luftsäule um 90 Grad auf und dann hast du den Tornadorüssel.
            Eine starke Gewitterwolke wird auch meist benötigt sprich niedriger Luftdruck und gerade bei rotierenden Superzellen entstehen Tornados am häufigsten, aber auch nicht nur.

          • Jessy Ca

            Danke für deine Erklärung… 🙂

          • Aber gerne 🙂

  • Der nächste Wirbelsturm formiert sich offenbar. https://twitter.com/Kachelmann/status/902993401586573312