Klimawandel und ein Bakterium verwandeln die Weltmeere in Todeszonen

Im Grundlagenartikel Der erste Kipppunkt fällt: Ozeane und Seen sind am Ende hatte ich beschrieben, wie und warum Ozeane gefährdet sind.
Stark vereinfacht: Die Zeitrafferwärme des “Klimawandels” führt zu einer Ausweitung der “Todeszonen” (oxygen minimum zones, OMZs) und ab einem uns unbekannten globalen Erwärmungspunkt kippen die Ozeane genauso um, wie wir es von verschmutzten Flüssen aus den 1980er Jahren kennen. Die Folge: Bis zu 97%iges Artensterben in den Ozeanen, wie es bereits mehrmals in der Weltgeschichte passiert ist, zum letzten Mal in der (natürlichen) Erwärmungsphase der Kreidezeit vor ca. 87 Millionen Jahren – ein sogenanntes “Großes Anoxisches Ereignis“.

Die US-amerikanische Hochschule GeorgiaTech und das Max-Planck-Institut haben nun eine weitere beunruhigende Entdeckung gemacht, warum sich diese Todeszonen neben ihrer Ausweitung durch den “Klimawandel” gravierend auch in ihrer Qualität verstärken und dies hat mit einem Bakterium zu tun, das man vor Ort nicht erwartet hatte.

 

Das Bakterium SAR11 und die Todeszonen

OMZs oder “Todeszonen” sind zwar nicht direkt ein Resultat der Klimakatastrophe, deren Ausweitung allerdings schon. Dies hat sowohl mit Wasserschichten an verschiedenen Orten der Erde zu tun, zumeist jedoch mit der Eutrophierung, also dem Zufluss von Nährstoffen durch den Menschen, welches zur Entwicklung von Algen und Sauerstoff abbauenden Bakterien führt.
Die Todeszonen können sich zurückbilden, allerdings wurden seit 1970 immer mehr Todeszonen entdeckt. Sowohl die Anzahl wie auch die Ausdehnung der OMZs verdoppeln sich (!) mit jedem Jahrzehnt.

Hitze ist deswegen ein Problem, weil warmes Wasser weniger Sauerstoff löst als kaltes – daher sind echte Winter, die es nicht mehr gibt, beispielsweise für inländische Seen hinsichtlich der Sauerstoffkonzentration immens wichtig.

“Wir fürchten, dass diese menschengemachten, regionalen Todeszonen durch Überdüngung zusammenwachsen mit den natürlichen Sauerstoffminimumzonen, die sich durch den Klimawandel ausdehnen. Dafür gibt es bereits Anzeichen. So könnte ein Punkt erreicht werden, bei dem es für einige Fischereien zu ernsten Konsequenzen kommt.”
Robert Diaz, Meeresbiologe

Im Ozean wird durch die ansteigende Hitze des “Klimawandels” somit die Sauerstoffkonzentration global immer geringer und die Eutrophierung und Verschmutzung der Weltmeere kommt noch hinzu. Bedenkt man, welch unfassbare Mengen an Wasser vorhanden sind (ca. 1,4 Milliarden Kubikkilometer), müsste man eigentlich davon ausgehen, dass es Millionen Jahre dauert, bis der Mensch diese Mengen überhaupt beeinflussen kann. Tatsächlich zeigen die Weltmeere alarmierende Anzeichen und Todeszonen breiten sich sogar in der Ost- und Nordsee immer mehr aus. 2006 waren über 200 Todeszonen global bekannt.

Das oben genannte Wissenschaftlerteam hat nun ein weiteres Mosaik um die Todeszonen gelüftet: Sie werden noch lebensärmer als sie ohnehin sind und somit vollständig “tot” im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Bakterium namens SAR11 spielt dabei eine Rolle, von dem die Wissenschaftler niemals angenommen hatten, es vor Ort in den OMZs zu finden.
SAR11 wandelt das ungiftige Nitrat in das giftige Nitrit um, wodurch logischerweise Lebewesen in den Meeren sterben. Nicht genug, führt in einem weiteren Stoffwechselbereich das Nitrat zu gasförmigem Stickstoff und Stickoxid – beides Treibhausgase, die die Klimakatastrophe nach oben katapultieren.

Man stelle sich also vor, wie die Ozeane – begonnen durch menschliche Eutrophierung, beschleunigt durch den anthropogenen Klimawandel ab einem gewissen Kipppunkt zu globalen Todeszonen werden, wie es mehrfach in der Vergangenheit geschah:
1. Die Nahrungskette bricht zusammen: Ohne Fische sterben auch davon abhängige Tiere wie Seevögel und die ohnehin durch den Klimawandel gefährdeten Pinguine, Robben, dadurch auch Eisbären und so weiter, bis der Zusammenbruch der Nahrungskette auch den Menschen erreicht mit Milliarden Hungertoten

2. Die gewaltige Masse der Ozeane würde heute unvorstellbare Mengen an Stickoxid- und Methan-Treibhausgasen produzieren, die als Blasen aus den Ozeanen in die Atmosphäre entgasen. Folge: Ein Sprung in der Klimakatastrophe mit dem Fall weiterer Kipppunkte. Theoretisch könnte so eine wahrhaftige Klimaapokalypse innerhalb von Jahrzehnten stattfinden. Rückgängig gemacht werden könnte dies nicht einmal mit technischem Aufwand. Wann ein solcher Punkt erreicht wird, können derzeit nicht einmal die Wissenschaftler an der Forschungsfront abschätzen.

 

Wie ist die Lage der Weltmeere?

Konnte man noch vor 2 Jahren davon ausgehen, dass über 90% der globalen Erwärmungsmasse in den Ozeanen “verschwand”, so zeigen die Zahlen der Ozeanerwärmung in den letzten Monaten einen bedenklichen Trend nach oben an, der vermuten lässt, dass die Speicherkapazität der Ozeane überschritten ist.
Was das bedeutet, ist im Grunde ein Todesurteil: Denn die unglaubliche Riesenmasse an Wasser hat eine Wärmemenge geschluckt, die sich kaum in Worte ausdrücken lässt. Die Auswirkungen an Land sind verglichen damit mikroskopisch und selbst darunter ächzen Tiere, Menschen und die Natur bereits.

Globale Temperaturentwicklung Land und Ozean im Monat Januar, © NOAA

Globale Temperaturentwicklung Land und Ozean im Monat Januar, © NOAA

Globale Temperaturentwicklung Land und Ozean im Monat Februar, © NOAA

Globale Temperaturentwicklung Land und Ozean im Monat Februar, © NOAA

Globale Temperaturentwicklung Land und Ozean im Monat März; © NOAA

Globale Temperaturentwicklung Land und Ozean im Monat März; © NOAA

Globale Temperaturentwicklung Land und Ozean im Monat April; © NOAA

Globale Temperaturentwicklung Land und Ozean im Monat April; © NOAA

Globale Temperaturentwicklung Land und Ozean im Monat Mai; © NOAA

Globale Temperaturentwicklung Land und Ozean im Monat Mai; © NOAA

Globale Temperaturentwicklung Land und Ozean im Monat Juni; © NOAA

Globale Temperaturentwicklung Land und Ozean im Monat Juni; © NOAA

Belege der immer wärmeren Weltmeere in den globalen Klimadaten von Januar bis Juni 2016, gemessene Werte an der Wasseroberfläche. Die tatsächlich “geschluckte” Menge an Hitze der Klimakatastrophe ist um ein Vielfaches höher (siehe Bild am Ende des Artikels)
 

Klimatische Anomalien, die bekannt sind wie beispielsweise El Niño, tauchen immer stärker auf und in Zukunft womöglich in immer kürzeren Zeitabschnitten. Selbst über einen Dauerzustand des El Niño wurde bereits theoretisiert. Wir erinnern uns, was im El Niño-Jahr 2015 geschah mit tausenden Toten in Indien, einer Naturkatastrophe in Europa, 40 Grad in Deutschland – ein Dauer-El Niño könnte als “Bunsenbrenner” der Erde innerhalb kürzester Zeit die Klimakatastrophe zur Guillotine der Menschheit werden lassen.

"The Blob" an der Westküste Nordamerikas bestand tatsächlich sogar aus 3 Hitzeblasen, © NOAA

“The Blob” an der Westküste Nordamerikas bestand tatsächlich sogar aus 3 Hitzeblasen, © NOAA

Andere klimatische Anomalien, die vorher nicht bekannt waren, tauchen ebenfalls auf: Am bekanntesten ist dabei “The Blob”, eine gewaltige Blase abnorm hoher Wassertemperaturen inklusive Todeszonen, die 2014 und 2015 an der Westküste Nordamerikas zu beobachten war. Möglicherweise steht diese in Verbindung zur Entstehung des El Niño 2015.

Wir müssen ganz genau die weitere Lage beobachten und Veränderungen registrieren. Da vielen Worten null Taten gegenüberstehen, wird die Klimakatastrophe nach jetzigem Stand ganz klar in eine Apokalypse der Menschheit führen und niemand weiß, ob es in einem Dominoeffekt schon 2030 der Fall sein wird oder doch erst im Jahr 2100 oder gar erst 2200.

Selbst bei bestem Willen findet man derzeit absolut keine positiven Nachrichten, was die Klimakatastrophe angeht. Im Gegenteil: Der Anstieg an Kohlendioxid in der Atmosphäre verstärkt sich drastisch statt zu sinken und beim Methan, das 30 mal stärker als Kohlendioxid wirkt, sieht der Anstieg sogar noch schlimmer aus mit den entsprechenden Folgen bei der Treibhauseffektphysik.
Die Menschheit holzt weiter gierig Regenwälder ab, verschmutzt die Umwelt, rottet Arten in einem Ausmaß aus, dass wir uns nach Biologen bereits lange in einem der weiteren großen Massensterben der Erdgeschichte befinden.
Man kommt nicht umhin, als mit entsetzenstarren, riesigen Augen, fasziniert vom Grauen unserer eigenen untergehenden Spezies mitanzusehen, wie detailliert sich die Tragik unseres eigenen Massensterbens dann von uns selbst initiiert und von der Natur orchestriert, am Ende darstellen wird.

Veranschaulichung, welche Wärmemengen aus dem "Klimawandel" wohin gelangt sind: Ozeane 0 bis 700 Meter Tiefe = hellblau, Ozeane 700 bis 2000 Meter Tiefe = dunkelblau, Land- und Eisflächen = rot; © <a target="_blank" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:GlobalWarmingOceanHeatContent.jpg">Skeptical Science auf wikimedia.commons.org</a>, Lizenz: <a target="_blank" href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de">CC BY 3.0</a>

Veranschaulichung, welche Wärmemengen aus dem “Klimawandel” wohin gelangt sind: Ozeane 0 bis 700 Meter Tiefe = hellblau, Ozeane 700 bis 2000 Meter Tiefe = dunkelblau, Land- und Eisflächen = rot; © Skeptical Science auf wikimedia.commons.org, Lizenz: CC BY 3.0

Artikel
Scinexx: Klimawandel macht Sauerstoff knapp
Wikipedia: Hypoxie
Wikipedia: Ozeanisches Anoxisches Ereignis
GeorgiaTech: Global Warming, a Dead Zone and mysterious bacteria (englischsprachig)
Deutschlandfunk: Die Weltmeere ringen um Luft – Todeszonen in den Ozeanen

Artikelbild: © Mark Rain auf flickr.com, Lizenz: CC BY 2.0



  • Alptraum der Sofeten

    Wenn ich das so lese fange ich ja doch schon ernsthaft an mir das ein wenig auszumalen. Schon krass wenn man mal drüber nachdenkt.

    • Ich frage mich nur: Wann? Wenn die globale Erwärmung so weitergeht wie in den Klimabilanzen offenbart (2016 ist bereits jetzt wohl ein erneutes Rekordjahr – man kann die Bezeichnung ja schon nicht mehr hören), dann befürchte ich das schlimmste. Ich hoffe, ich kann auch mal was positives vermelden. Aber danach siehts momentan beileibe nicht aus. Seit 2014 nicht ehrlich gesagt und wenn man die Zeit vor Kaltwetter betrachtet, dann seit ca. 1992 (Ausbruch des Pinatubo) nicht.

      • Alptraum der Sofeten

        🙁

        • Was, wenn du in die Zukunft reist und dort in den Geschichtsbüchern liest, dass der Ausbruch des Yellowstone zeitgleich mit der Hekla am 18. April 2017 die Welt verändert aber auch das Klima gerettet hat? 😉

          • Alptraum der Sofeten

            Stimmt Überraschungen könnte es ja auch noch geben. Das wäre schön, kann aber im Moment leider nur wenig trösten.

          • Stimmt leider. Denn wir wissen ja, dass der nächste große Vulkanausbruch auch erst 2099 kommen könnte, wenn wir schon lange unter der Erde sind ^^

  • Aktuell zum Thema: Kartografierung der Todeszonen in der Ostsee. http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-20492-2016-08-10.html

  • Interessanter Ansatz zum Thema Klima”wandel” und Klimaskeptiker: https://perspective-daily.de/article/43/3nGUztbG