Die Auswirkungen von La Niña auf Europa sind strittig, könnten aber zu einem gefürchteten Dauerhochdruckwinter führen.
Die Auswirkungen von La Niña auf Europa sind strittig, könnten aber zu einem gefürchteten Dauerhochdruckwinter führen.

Üblicherweise liest man in vielen Internetseiten, dass es keinen Einfluss von El Niño oder La Niña auf Europa gibt.
Dies ist schlichtweg fachlich falsch und kann nur mit einer Schulnote 6 verbunden werden. Als Ursache kann man entweder nur das gegenseitige Abschreiben von Falschinformationen vermuten oder einfacher gesagt: Die Journalisten und/oder Meteorologen machen einfach ihre Hausaufgaben nicht!
Denn Studien zum Einfluss der ENSO (La Niña, El Niño, neutraler Zustand) auf Europa gibt es bereits seit Jahren: Brönnimann S. et al. (2007): ENSO influence on Europe during the last centuries, sowie: Brönnimann S. (2007): Impact of ENSO on European climate. Und diese sind nicht die einzigen!

Auf der Grundlage der herausragenden Darstellung auf wetterzentrale.de möchte ich die komplexe Problematik von La Niña auf Europa einmal herunterbrechen und verständlich machen, da bekanntlich ein La Niña-Ereignis nach dem El Niño-Rekordjahr 2015/16 auf uns zukommen wird bzw. bereits in den Startlöchern steht.

(1) Was ist La Niña?

La Niña ist einer von drei möglichen Zuständen der sogenannten ENSO – El Niño Southern Oscillation oder eingedeutscht: Der El Niño/Südlichen Oszillation. Es handelt sich dabei um die Wasseroberflächentemperaturverhältnisse vor der nördlichen Westküste Südamerikas.

ENSO – Heizung und Klimaanlage in einem

Während El Niño den Zustand deutlich zu warmer Wasseroberflächentemperaturen bezeichnet, handelt es sich bei La Niña um das Gegenteil – zu kalte Wasseroberflächentemperaturen. Der neutrale Zustand ist logischerweise der Status „normaler“ Temperaturen.

Schema eines La Nina-Zustandes, © <a target="_blank" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:MeteoLaNinaDeutsch.png">Simon Eugster (Fotograf) auf commons.wikimedia.org</a>, Lizenz: <a target="_blank" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/deed.en">BY-SA 2.0</a>
Schema eines La Niña-Zustandes, © Simon Eugster (Fotograf) auf commons.wikimedia.org, Lizenz: BY-SA 2.0

Dabei gilt eine Temperaturveränderung (Anomalie) von -0,5 bis +0,5 Grad Celsius als „neutrale ENSO“, alles oberhalb von +0,5 Grad als El Niño und alles unterhalb von -0,5 Grad als La Niña (eine konservativere Interpretation verwendet hier +0,8 Grad respektive -0,8 Grad Celsius).
Als „starke“ Anomalie gelten Werte über +1,5 Grad Celsius bzw. -1,5 Grad Celsius. Zur Einschätzung des jüngsten El Niño: Hier wurden Rekordwerte von bis zu 3 Grad Celsius erreicht!

Die Temperaturanomalie La Niña, sichtbar durch den Bereich zu kalter Wasseroberflächentemperaturen vor der Küste Südamerikas bis hinaus auf den Pazifik (November 2007)
Die Temperaturanomalie La Niña, sichtbar durch den Bereich zu kalter Wasseroberflächentemperaturen vor der Küste Südamerikas bis hinaus auf den Pazifik (November 2007) 

Die Gebiete der ENSO

Die ENSO wird in bestimmten Teilgebieten gemessen. Dazu wurden die Bereiche westlich der Küste in Teilregionen eingeteilt:

Zonen des El Niño: 1+2 = Küstengebiete Südamerikas, 3.4 = Zentralpazifik
Zonen des El Niño: 1+2 = Küstengebiete Südamerikas, 3.4 = Zentralpazifik

Region 1+2 sind die küstennahen Gebiete. Ein El Niño, der hier hauptsächlich auftritt, wird als EP El Niño bezeichnet (Eastern Pacific, also Ostpazifischer, da an der Küste am Ostrand des Pazifiks gelegen).
Die Regionen 3 und 4 beschreiben den Zustand weit draußen auf dem zentralen Pazifik. Ein El Niño, dessen höchste Temperaturen hier auftreten, wird als CP El Niño bezeichnet (Central Pacific, also Zentralpazifischer El Niño).

Bei La Niña sind die Unterschiede nicht so stark ausgeprägt, dass hier wie beim El Niño unterschieden wird. Es gibt nur einen La Niña-Zustand.

Hervorgerufen werden die unterschiedlichen Wassertemperaturen durch ein Aufsteigen bzw. Absinken der thermohalinen Zirkulation in dem Bereich des Pazifiks vor Südamerika. Dies bringt uns als nachdenkende Wissbegierige auf eine Idee, oder nicht?
Nämlich, dass der berüchtigte „Kalte Fleck“ im Atlantik, der seit etwa 2 Jahren existiert, eine Folge des El Niños inklusive seiner Vorlaufzeit ist und als Gegenargument gegen die These einer Golfstromabschwächung dient (siehe: AMOC und Windstress – Mögliche Erklärungen für den Kalten Fleck im Atlantik). Wenn dem so ist, dann müsste sich mit Einpendelung des La Niñas ab dem Sommer oder Herbst eine Umkehr der Verhältnisse erfolgen und der Kalte Fleck nach zweieinhalb Jahren wieder verschwinden. Wir werden dies aufmerksam beobachten.

Schematische Darstellung eines neutralen ENSO-Zustandes
Schematische Darstellung eines neutralen ENSO-Zustandes

Schematische Darstellung von El Niño: Die Anhebung der thermoklinen Zirkulation führt zur Aufheizung der Wasseroberfläche
Schematische Darstellung von El Niño: Die Anhebung der thermoklinen Zirkulation führt zur Aufheizung der Wasseroberfläche

Schematische Darstellung von La Niña Die Absenkung der thermoklinen Zirkulation führt zur Abkühlung der Wasseroberfläche
Schematische Darstellung von La Niña Die Absenkung der thermoklinen Zirkulation führt zur Abkühlung der Wasseroberfläche

Doch zurück zur ENSO. Was genau bewirken die zu kalten bzw. zu warmen Wasseroberflächentemperaturen eigentlich und warum?

Was bewirkt die ENSO?

Die Auswirkungen auf den Pazifikraum sind gut erforscht und bekannt. Die Veränderungen dürfen nicht unterschätzt werden und muten dem Laien möglicherweise fremdartig an. Wie kann beispielsweise eine zu warme Wassertemperatur vor Südamerika das Klima derart stark beeinflussen, dass es zu Dürren in Südamerika und Nordamerika kommt?
Hier kommt die Beziehung zwischen Ozean und Atmosphäre ins Spiel!

Auswirkungen von El Niño auf die benachbarten Regionen außerhalb Europas
Auswirkungen von El Niño auf die benachbarten Regionen außerhalb Europas

Temperaturanomalien des Ozeans werden über das weltweite thermohaline Strömungsnetz an die Atmosphäre weitergegeben und beeinflussen massiv die Strömungsverhältnisse der globalen Windsysteme in der Troposphäre. Zudem sind die Wärmemengen so gewaltig, dass die letztlich auch Monate andauernde El Niño-Phase sämtliche Wettervoraussetzungen komplett durcheinanderbringt und im Rahmen der Telekonnektion (Fernwirkung) sogar die gesamte Welt in abgeschwächter Form beeinflusst!

Wir haben 2015 erlebt, wie El Niño auch unseren Sommer 2015 zu einer Hitzehölle verwandelt hat – es handelte sich um den ersten wirklichen Nachweis, dass El Niño globale Auswirkungen hat und die Erde in radikale Hitze- und seltene Kältepunkte aufspaltet, als hätte man viele Bunsenbrenner auf Punkte der Erde gerichtet. Ursachen für diese Veränderung sind bei der Telekonnektion unter anderem im zurückgehenden Temperaturunterschied zwischen dem tropischen und unserem nördlichen Atlantik zu sehen und sich daraus ergebenden Auswirkungen.

Bei La Niña sind die Nachweise bisher nicht so gut erfolgt wie beim El Niño. In der näheren Umgebung im Pazifikraum ist das Klima hier von einer Zunahme von Niederschlägen geprägt und auch kälteren Regionen.

"Spaltung" der Welt in Hitze und Kälte aufgrund des El Niño (NOAA unter commons.wikimedia.org , lizenzfrei, Das Hitzeaktionszentrum in Europa ist links oben zu erkennen
„Spaltung“ der Welt in Hitze und Kälte aufgrund des El Niño (NOAA unter commons.wikimedia.org , lizenzfrei), Das Hitzeaktionszentrum in Europa ist links oben zu erkennen. Klick auf das Bild startet die Animation.

Für Europa ist wissenschaftlich so gut wie kaum etwas Genaues auszumachen. Es gibt zwar eine Tendenz zu feuchteren, kühleren Witterungen im Sommer und somit atlantikverstärktem, mild-feuchtem Wetter im Winter, doch die spärlichen La Niña-Ereignisse lassen kaum Belege zu. So gab es deutliche La Niña-Ereignisse bisher nur in den Jahren 1955, 1973 (mit -1,9 Grad Celsius sehr stark!) bis 1975 (in diesen Zeitraum fällt der berüchtigte 8er Mildwinterblock), 1988 und 1999/2000 (Spätfolge des letzten El Niños aus dem Jahr 1997).

Trotzdem wollen wir ja herausfinden, was uns hypothetisch erwarten könnte. Und wir wollen ja auch die günstige Gelegenheit in diesem Jahr nutzen, um den La Niña-Effekt und seine möglichen Auswirkungen bei uns zu studieren. Im Vorfeld blicken wir also trotz der spärlichen Datenlage einmal auf die Vergangenheit und nähern uns La Niña aus drei Perspektiven: Fallstudien, Statistische Belege und Nachweise von La Niña-Folgen aus Klimamodellen.

(2) Wirkung auf Europa: Belege aus Fallstudien

Fallstudien versuchen aus der Vergangenheit klimatische Verhältnisse zu ermitteln und kausal mit La Niña zu verknüpfen. Hier verzeichnen die Forscher unter Berücksichtigung sogar von La Niña-Ereignissen bis in das 18. und 19. Jahrhundert hinein auf den Winter bezogen vor allem zwei auffallende Aspekte:

1. Die Winter waren tendentiell niederschlagsärmer in Zentraleuropa, niederschlagsreicher in Skandinavien
2. Es gab eine große Variabilität, d. h. La Niña führte nicht zum immer gleichen Ergebnis, sondern führte zu kalten, normalen und milden Wintern.

Darüber hinaus wurde ein hohes Geopotential im östlichen Atlantik und/oder über Zentraleuropa festgestellt. Stark vereinfacht bedeutet hohes Geopotential: Hochdruckgebiet. Beispielsweise führte dies 1989 zu einem Rekordmildwinter. Hier stellt sich die Frage, warum es zum Mildwinter kam, wenn doch ein Hochdruckgebiet vorlag? Letztlich ist dies meist ursächlich für einen Kaltwinter. Dazu gleich mehr bei den statistischen Belegen.
Zu einem La Niña-Einfluss auf Europa abseits des Winters wurden keine Erkenntnisse gewonnen.

Typische Hochdrucksituation (hohes Geopotential) am 14. Januar 1989, einem starken La Niña-Winter, © <a target="_blank" href="http://www.wetterzentrale.de/topkarten/fsreaeur.html">Wetterkartenarchiv von wetterzentrale.de</a>
Typische Hochdrucksituation (hohes Geopotential) am 14. Januar 1989, einem starken La Niña-Winter, © Wetterkartenarchiv von wetterzentrale.de

(3) Wirkung auf Europa: Statistische Belege

Statistische Belege sind sinnigerweise auf Datenreihen angewiesen. Dummerweise gibt es wie bereits erwähnt zu wenige La Niña-Ereignisse, um klare Schlussfolgerungen zutage zu fördern. Dennoch hat man mit Hilfe von mathematischen Methoden erstaunliche Ergebnisse erzielt und gleich mehrere statistische Forschungen sind zu den gleichen Ergebnissen gelangt. Diese lauten für La Niña-Jahre folgendermaßen:

1. Die antizyklonalen Phasen nehmen zu (also die Hochdruckgebiete)
2. Die Tiefdruckgebiete verschieben sich mit der Polarfront nach Norden

Hier haben wir die Antwort auf die bei den Fallstudien gestellte Frage, beispielhaft am Jahr 1989, warum es trotz Hochdruckeinfluss zu keinem Kalt-, sondern zum Gegenteil, einem Mildwinter kam!
Da sich die Polarfront nach Norden verschiebt, kommt gar keine Kaltluft nach Europa. Es ist, wenn man so will, der absolute Worst Case. Hochdruck und Wärme, als gäbe es keinen Winter, sondern einen Herbst. Bei den Richttemperaturen in 1.500 Metern Höhe (850 hPa) zu der obigen Druckverteilungskarte sieht man die Auswirkungen: Temperaturen von +5 bis +8 Grad sind für den Winter eine echte Hausnummer und ein Alptraum, der unseren letzten Winterjahren entspricht.

Temperaturen in 1.500 Metern Höhe (850 hPa) am 14.01.1989. © <a target="_blank" href="http://www.wetterzentrale.de/topkarten/fsreaeur.html">Wetterkartenarchiv von wetterzentrale.de</a>
Temperaturen in 1.500 Metern Höhe (850 hPa) am 14.01.1989. © Wetterkartenarchiv von wetterzentrale.de

Weiterhin wurden folgende Auswirkungen durch La Niña festgestellt:

3. Tendenz zu einem positiven NAO-Index
Grob gesagt definiert der Index der Nordatlantischen Oszillation, ob es zu Stürmen kommt oder nicht und positive NAO bedeutet für uns Mildwinter und Hitzesommer, negative NAO das Gegenteil. In La Niña-Winterjahren scheint durch die Verschiebung der Polarfront nach Norden die Zyklogenese auf dem Atlantik einzuschlafen. Allerdings ist dies nur ein Trend! Es gibt auch Gegenbeispiele.

4. Damit zusammenhängend ein schwächerer Jetstream über dem Atlantik

Interessant wird es nun bei der Unterscheidung von El Niño- und La Niña-Wintern: Die Statistiker weisen folgende, sehr komplexe Muster nach.

(a) In La Niña-Jahren sind kalte Winter sehr selten.
(b) Diese kalten La Niña-Winter sind aber häufiger als die Warmwinter in El Nino-Jahren …
(c) Die Klima-Variabilität (also die Bandbreite von milden, normalen und kalten Wintern) ist in El Niño-Jahren größer als in La Niña-Jahren
(d) Trockene Winter kann es in La Niña- und in El Niño-Jahren geben, wobei feuchte Winter in El Niño-Jahren häufiger sind.

In Kaltwinterszenarien von El Niño-Jahren kommt die Kälte vermehrt im Spätwinter durch Rückkopplungen von Stratosphäre mit Troposphäre und dem Polarwirbel.
In Kaltwintern von La Niña-Jahren (selten!) kommt die Kälte vermehrt im Frühwinter (Dezember).

Hochinteressant sind die Erkenntnisse für warme ENSO-Jahre (El Niño): Hier zeigt sich ein Muster, dass im Frühwinter bei einer positiven NAO Blockadesituationen auf dem Atlantik (die bekanntlich einen Kaltlufteinbruch begünstigen) verhindert werden.
Im Spätwinter jedoch kehrt sich dies um! Die NAO wird negativ und es kommt zu Blockadesituationen und möglichen Kaltlufteinbrüchen.

Blicken wir auf den letzten Winter 2015/16 mit dem Rekord-El Niño, so ist exakt dies geschehen: deutlich positive NAO, im Frühwinter trotz günstiger klimatischer Randfaktoren die Verhinderung von Blockadelagen und ein unsäglicher Winterstart mit Mildrekordwerten. Später dann die Umkehr in eine negative NAO und zumindest Kaltluftepisoden.
Halten wir also fest, dass wir hier einen klaren Beleg für diese Auffälligkeiten aus unserer jüngsten, eigenen Erfahrung liefern können! Und dass bei La Niña offenbar genau das Gegenteil eintritt, FALLS es zu einem der seltenen Kaltwinter kommt: Dann ist der Dezember oft der kälteste Monat (siehe unten dazu Kapitel 6).

Endlich gefunden: Die Stratosphäre übermittelt die El Niño- und La Niña-Effekte!

Es war lange strittig, wie die ENSO-Anomalien über so weite Entfernungen vom Pazifik bis nach Europa übertragen werden können.
Ausgemacht haben die Forscher nun die thermohaline Zirkulation der Meeresströmungen, die ein Netzwerk über den gesamten Globus bilden und die Stratosphäre. Letztere ist uns bereits vom Major Warming ein Begriff: Wärme wird vor allem über Kanada von der Troposphäre in die Stratosphäre gepumpt, wo sie zu einer Erwärmung führt, die im Winter dann als SSW (sudden stratospheric warming) den Polarwirbel schwächt, spaltet (splitting) und unsere Chancen auf einen Kaltwinter erhöht.

Doch dieses grundsätzliche Prinzip ist nur ein seltenes, radikales Ereignis für Strukturen, die auch ohne Major Warming vor sich gehen. Vereinfacht muss man sich das so vorstellen: Die Troposphäre wird von Temperaturen und Luftströmungen der Wasseroberflächen (hier: Dem Atlantik) beeinflusst und gibt sie an die Stratosphäre weiter.
Dort wirken sie sich auf bestimmte Art und Weise aus und werden wieder nach unten an die Troposphäre zurückgegeben. Dies ist das von Dr. Judah Cohen immer wieder zitierte TST-Event (Troposphärisches-Stratosphärisches-Troposphärisches Austauschereignis).

Völlig intakter, starker Polarwirbel ohne Warmings auf 10 hPa, etwa 30 km Höhe, prognostiziert für den 12.12.2015, © meteociel.fr
Völlig intakter, starker Polarwirbel ohne Warmings auf 10 hPa, etwa 30 km Höhe, prognostiziert für den 12.12.2015, © meteociel.fr

Auch die Anomalien von La Niña und El Niño gelangen auf diese komplexe Weise bis nach Europa. Allerdings zerfasert das Signal hier auch unter Einfluss anderer, starker Einflussfaktoren wie der Nordatlantischen Oszillation. Dennoch ist es in den Studien, Statistik und Klimamodellen klar nachweisbar.
Interessant ist dabei, dass bei El Niño die Tropopause (Grenze zwischen Troposphäre und Stratosphäre, normalerweise in unseren Breiten bei ca. 15 km Höhe) sich verändert: Sie liegt über dem Westpazifik höher und über dem Ostpazifik niedriger. Durch das sog. Gegenläufigkeitsprinzip ist damit die Region in Südostasien in der unteren Stratosphäre kälter. Diese Veränderungen führen letztlich zu einem SSW oder Major Warming.

Untersuchungen von Frau Dr. Labitzke zeigten, dass bei starken El Niño-Jahren ein geschwächter Polarwirbel vorlag. Dies ist für den gerade zurückliegenden El Niño 2015/16 allerdings genau umgekehrt gewesen, wo ein unglaublich starker Polarwirbel vorlag, der die Kaltluft weitgehend von Europa fernhielt (bis Warmings ab Januar den Polarwirbel instabil machten und leider erst mit dem natürlichen Verschwinden des Polarwirbels im März ein verspätetes Major Warming auftrat). Auch daran sieht man, dass einfache Erklärungsmuster nicht ausreichen und nur bestimmte Wahrscheinlichkeiten wirksam werden.
Eine entscheidende Rolle spielt hier wohl auch die immer wieder unterschätzte Quasi-bienniale Oszillation (QBO).

Die unterrepräsentierte QBO mischt kräftig mit!

Die QBO steht seit langem im „Verdacht“, für die Uneinheitlichkeit des ENSO-Signals für Europa verantwortlich zu sein und im übrigen generell unterschätzt zu werden.
Zur Erinnerung: Die QBO stellt die Ausrichtung der im Gegensatz zur „chaotischen“ Troposphäre, dem Dampfkessel unseres Wetters am Boden, sehr stabilen Winde in der Stratosphäre dar. Diese wechseln ungefähr alle 2 Jahre von West nach Ost oder umgekehrt.
Grundsätzlich scheint eine Westwindphase der QBO bei uns für warmes Wetter und Mildwinter zu sorgen, eine östliche QBO begünstigt Kaltphasen. Allerdings ist diese These sehr stark vereinfacht und insofern nicht ganz richtig.

QBO-Phasen: Westwind (dunkel schraffiert). Rot: Mildwinter, Blau: Kaltwinter; © <a target="_blank" href="http://www.geo.fu-berlin.de/met/ag/strat/produkte/qbo/">FU Berlin</a>
QBO-Phasen: Westwind (dunkel schraffiert). Rot: Mildwinter, Blau: Kaltwinter; © FU Berlin

Was in den Studien überrascht ist der Umstand, dass eine westliche QBO das ENSO-Signal ganz klar verstärkt für Europa (egal ob El Niño oder La Niña) und bei östlicher QBO sich das Signal abschwächt! Die QBO wirkt also wie eine Art Verstärker. Und hier sieht man schon das Dilemma: Normalerweise ist eine Ost-QBO also Kältebegünstigend. Aber bei El Niño-Wintern kann der Polarwirbelschwächende Effekt El Niños und damit der Kaltwinter durch eine Ost-QBO geschwächt werden, einfacher gesagt: Die Winter sind weder Fisch noch Fleisch und enden immer im milden Bereich. Eine West-QBO hingegen – sonst ein Garant von Mildwintern – stärkt nun das Signal: Allerdings in alle Möglichkeiten, d.h. sowohl bezüglich abnorm warmer, wie aber auch übermäßig kalter Winter!

Nochmal in der Übersicht:
Ost-QBO = Kaltwinterbegünstigend
West-QBO = Mildwinterbegünstigend

El Niño + Ost-QBO = Reduzierung der Kaltwinterbegünstigung aufgrund Signalabschwächung
El Niño + West-QBO = Extremisierung in Form von Erhöhung der Chancen sowohl für Mild- wie auch für Kaltwinter

Diese Wirkungen und Verstärkungen sowie die Mechanismen der Stratosphäre mit der Troposphäre sind im Spätwinter am stärksten – was erklären würde, warum in El Niño-Jahren die Kaltwinter, wenn sie denn auftraten, fast immer im Januar, eher sogar Februar bis März stattfanden. Erinnern wir uns: Auch der letzte Winter, wenngleich ein Supermildwinter, hatte nach einem Allzeitrekord-Dezember mit abstrusen Hitzetemperaturen seine kurzen kalten Phasen erst im Januar und durch das verspätete Major Warming sogar erst im April!

In El Niño- oder La Niña-Jahren kann eine West-QBO ausnahmsweise wegen der Signalverstärkung zu einem Kaltwinter führen. Gleichzeitig erhöht sich auch die Chance auf einen Mildwinter. Also quasi „Hopp oder Top“.

Aus Neugier habe ich einmal bei der QBO die starken Mild- und die starken Kaltwinter eingezeichnet, um herauszufinden, ob es eine Beziehung zu einer östlichen oder westlichen QBO gibt (siehe Bild links: blau = Kaltwinter, rot = Mildwinter). Wie man sieht, kann man keine klare Regel wie z. B. West-QBO = Mildwinter und Ost-QBO = Kaltwinter feststellen und zwar unabhängig davon, ob man die QBO an der unteren Stratosphäre bei 15 km oder in der höheren bei 30 km betrachtet. Allenfalls ist eine Häufung von Kaltwintern bei Ost-QBO festzustellen. Aber dieses Ergebnis verwundert nicht, wissen wir doch, dass das Klima zu komplex ist, um sich auf solch einfache Regeln reduzieren zu lassen und die Verbindung mit El Niño- und La Niña-Jahren mitsamt dem Verstärkungs- oder Abschwächungseffekt das Ganze jetzt sehr unübersichtlich macht.
Dennoch muss man sich für die Prognosen so behelfen, dass man sich wie bei einem Fussballspiel Hitze gegen Kälte die Faktoren gegenrechnet. Und eine Ost-QBO scheint zumindest in vielen Fällen auf der Seite der Kälte zu spielen und eine West-QBO auf der Seite der Sofeten 😉 In den seltenen El Niño- oder La Niña-Jahren muss man genauer hinschauen, ob bei einer West-QBO die 50%-Chance einer Verstärkung für Kaltwinter zutrifft oder das Gegenteil.

(4) Wirkung auf Europa: Klimamodell-Nachweise

Klimamodelle basieren auf verschiedenen Ansätzen, die alle versuchen sehr langfristige Zeiträume heranzuziehen. Hier allein zeigt sich, was von dem Geschwätz von Klimaskeptikern zu halten ist, die nicht müde werden ihre Idiotie zu zitieren „Messungen finden erst seit 1850 statt, das Klima gibt es aber seit 4,6 Milliarden Jahren“. Weit gefehlt! Eisbohrkernuntersuchungen, Isotopenmessungen der Sonnenstrahlung, Meeresgrundbohrungen versetzen uns schon lange in die Lage, das Klima der Vergangenheit genauestens zu kennen und mit heute zu vergleichen. Und nur wegen der alarmierenden Resultate wissen wir heute von der Gefährlichkeit der Klimakatastrophe als globaler Bedrohung für die Menschheit – zumindest für den Teil der Menschheit, der über eine Anleitung verfügt, wie man sein Gehirn reflexiv verwendet …

In Modellsimulationen mit Daten aus 540 Jahren der Vergangenheit wurden folgende, grundsätzliche Eigenschaften des Klimas in Europa während El Niño- und La Niña-Jahren für die verschiedenen Teilbereiche des Jahres ermittelt:

El Niño Temperatur El Niño Niederschlag El Niño Geopotential La Niña Temperatur La Niña Niederschlag La Niña Geopotential
OND Westen: Warm
Osten: Kalt
sehr stark Tiefdruck Norden: Warm
Süden: Kalt
Dürre Hochdruck
JFM Warm trocken Hochdruck Normal Norden: Feucht
Süden: Trocken
Luftmassengrenze
AMJ Warm Bayern feucht
Rest trocken
Normal Warm etwas feucht Hochdruck von Nordwesten

Tabelle: Auswirkung von El Niño/La Niña auf Temperatur, Niederschlag und Geopotential (Luftdruck) auf Oktober, November, Dezember (OND), Januar, Februar, März (JFM) und April, Mai, Juni (AMJ) in Europa aus den letzten 540 Klimajahren, ermittelt aus dem mittleren El Niño nach Region 3.4 (Zentralpazifik).

Bezüglich der weiteren Entwicklung gehen die Modelle von einer Stärkung des ENSO-Signals für Europa durch die fortschreitende Erwärmung der Klimakatastrophe aus. Dabei führe ein warmes ENSO-Signal, also El Niño, zu einer negativen Nordatlantischen Oszillation (NAO) im Winter und stärkt somit einen der Faktoren für einen Kaltwinter in Europa. Dass dies nicht unbedingt allein entscheidend ist, haben wir im letzten Supermildwinter 2015/16 mit oft negativer NAO durch den El Niño gesehen.

Kippt die NAO mit La Niña bald in den milden positiven Bereich? Verlauf (schwarz) und Prognose (rot) der Nordatlantischen Oszillation (NAO); © NOAA - http://www.cpc.ncep.noaa.gov/
Kippt die NAO mit La Niña bald in den milden positiven Bereich? Verlauf (schwarz) und Prognose (rot) der Nordatlantischen Oszillation (NAO); © NOAA – http://www.cpc.ncep.noaa.gov/

Bei La Niña verhält es sich entsprechend genau umgekehrt und es ist eine positive NAO zu erwarten und auch deswegen eine höhere Wahrscheinlichkeit für einen Mildwinter (man beachte: Trotzdem gab es durch ein Zusammenspiel anderer Einflussfaktoren wie der QBO nichtsdestotrotz dennoch Kaltwinter in La Niña-Jahren, allerdings nur wenige).

(5) Was erwartet uns in einem Sommer durch La Niña?

Grundsätzlich sollte zunächst eines klar sein nach den Ausführungen: Möglich ist alles! Ein La Niña verhindert nicht einen Hitzesommer oder garantiert einen Kaltsommer. Punkt.
Es gibt lediglich Wahrscheinlichkeiten, die mal mehr, mal weniger zum Tragen kommen. Diese Wahrscheinlichkeiten lauten folgendermaßen:

1. Im Sommer ist das La Niña-Signal verglichen zum Winter nur schwach. Auch Hitzelagen sind jederzeit möglich.
2. Wenn das Signal wirksam würde, deutet vieles auf Osthitze, einen kühleren Westen und Süden und eine leichte Erhöhung der Niederschlagswahrscheinlichkeit.

Wegen der wenigen Daten und wenigen La Niñas, kann ein Vergleich mit früheren Jahren zwar täuschen, sollte aber dennoch im Hinterkopf bleiben:
Sommer 1973: gleichmäßig zu warm, +1,4 Grad Celsius im Mittel
Sommer 1975: kühler Juni, heißer Juli und August, +1,0 Grad Celsius im Mittel
Sommer 1988: kühler Juni, normaler Juli und August, Sommer exakt im Mittel
Sommer 1998: heißer Juni, kühler Juli, +0,2 Grad Celsius im Mittel (Niederschlag: Süden trocken, Norden nass) – QBO Ost = Signalschwächung
Sommer 1999: kühler Juni, heißer Juli, +0,8 Grad Celisus im Mittel (Niederschlag: Saarbrücken – Frankfurt – Dresden nass, Süden normal, Norden trocken) – QBO West = Signalverstärkung

Auch im Jahresvergleich sieht man große Unterschiede, jedoch ist eines festzuhalten: Es gab in La Niña-Sommern keinen Kaltsommer, aber auch keinen durchgängigen Hitzesommer!

(6) Was erwartet uns in einem Herbst und Winter durch La Niña?

Im Winter ist der Einfluss der ENSO und damit auch von La Niña stärker als in allen anderen Jahreszeiten. Vor allem im Spätwinter (Januar, Februar, bis in den März) wirken sich die stratosphärischen Einflüsse und der Polarwirbel deutlich aus.

Geht es nach den Klimamodellauswertungen, so erwartet uns im Herbst und Frühwinter eine ungewöhnliche Zweiteilung wie aktuell durch Osthitze: Der Norden ist tendentiell wärmer als der Süden! Dazu wird es allerdings sehr trocken werden.
Im weiteren Winterverlauf deuten die Klimafallstudien einen hochdruckdominierten Warmwinter (vor allem von Osten Wärme) mit zu wenig Niederschlag an – im Grunde also der Worst Case: Trotz Hochdruck keine Kälte, sondern Sonne und Wärme wie in einem schlechten Dauerherbst.

Auch wenn Vorhersagen dieser Art nicht 100% zutreffen können und die Bandbreite recht hoch ist, so gilt bei La Niña, dass die Klimavariabilität bei weitem nicht so hoch ist wie bei ihrem El Niño-Bruder. Es bleibt also festzuhalten, dass somit ein Mildwinter der schlimmsten Art eine Wahrscheinlichkeitserhöhung erfährt, ein Kaltwinter jedoch nicht ausgeschlossen ist (insbesondere bei signalverstärkender West-QBO)!

Unser letzter Kaltwinter und gleichzeitig ein La Niña-Jahr! Wetterlage am 03.12.2010, © <a target="_blank" href="http://www.wetterzentrale.de/topkarten/fsreaeur.html">Wetterkartenarchiv von wetterzentrale.de</a>
Unser letzter Kaltwinter und gleichzeitig ein La Niña-Jahr! Wetterlage am 03.12.2010, © Wetterkartenarchiv von wetterzentrale.de

Das klingt wenig vielversprechend, nachdem wir bereits seit 2010/11 auf einen richtigen Winter warten, so lange wie noch nie seit dem 8er Mildwinterblock Anfang der 1970er Jahre. Aber es überrascht uns auch nicht mehr wirklich. Man könnte auch sagen, falls der Sommer wie aktuell derzeit weitergehen sollte: Der Mildwinter wäre der Preis für einen Nichthitzesommer …
Alles weitere werden wir in den kommenden Monaten verfolgen, analysieren, interpretieren und auch gespannt beobachten, was sich für Strukturen durch La Niña ergeben und ob sich die dargestellten Theorien bestätigen oder alles anders kommt, als man denkt 🙂

Zum Abschluss begeben wir uns auf der Suche nach Vergleichsmustern wieder in die Vergangenheit und betrachten einmal Winter in starken La Niña-Jahren:

1955/56: Warmer Dezember, Rekordkaltwinter Februar (-9,62 Grad im Mittel!!!), -2,3 Grad im Mittel = Kaltwinter
1970/71: kalter Frühwinter, Winter exakt im Mittel = Normalwinter
1973/74: kalter Frühwinter, +2,0 Grad im Mittel = Mildwinter
1975/76: gleichmäßig, +0,7 Grad im Mittel = Normalwinter
1988/89: durchgängig warm, +2,9 Grad im Mittel = (damals) Rekordmildwinter
1998/99: warmer Januar, sonst normal, +1,1 Grad im Mittel = Mildwinter
1999/2000: durchgängig warm, +2,1 Grad im Mittel = Mildwinter
2007/08: durchgängig warm, +2,8 Grad im Mittel = Supermildwinter
2010/11: der letzte Kaltwinter! Vor allem im Dezember Kälteschwerpunkt, -0,4 Grad im Mittel = Kaltwinter

Überdeutlich sehen wir viele Mildwinter und auch Rekordmildwinter, aber auch den letzten Kaltwinter 2010/11, der uns allen noch in guter Erinnerung verblieben ist! Außerdem auffällig ist, dass im Gegensatz zu einem El Niño-Winter die Kälte, wenn sie denn kommt, oft im Dezember auftritt und nicht etwa im Spätwinter (Ausnahme der lang zurückliegende 1955/56er Winter) – das nenne ich einmal eine Erkenntnisüberraschung.

Man sieht also, dass die Regel La Niña = Mildwintergarantie nicht zu 100% zutreffen muss und es (bei West-QBO) Überraschungen geben kann. Und das mag für das Klimajahr 2016 letztlich trotz der Auswirkungen und Beeinflussungen durch die Klimakatastrophe optimistisch stimmen.

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