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Die "Rossbywellensystematik 6" führt zu stillstehendem Jetstream und Extremwettern, darunter Hitzewellen im Sommer, aber auch Überschwemmungen und Kaltlagen im Frühjahr.

Vor kurzem hatte ich grundsätzlich erläutert, wie es durch die Verlangsamung des Jetstreams zur Entstehung von Extremwetter kommen kann: Wie der Klimawandel den Jetstream schwächt und Extremwetter hervorruft.

Passend dazu liefert uns die Erde nun den Beleg für den anthropogenen Einfluss auf die globale Klimakatastrophe in dieser Form. Eine sogenannte „Wavenumber 6“ oder „Rossbywellensystematik Nummer 6“ führt im Mai 2017 zu resonanten Rossbywellen und der Hochschaukelung von Wetterextremen.
Daniel Swain hat heute folgendes getwittert:

Wir sehen einen handfesten Beweis für den menschlichen Einfluss auf ein Klima, das vollkommen anormale Strukturen zeigt und üble Folgen hat. Was genau bedeutet das?

Der Standard: Wenige Rossbywellen und stabiler Jetstream

Betrachten wir zunächst den normalen Zustand. Üblicherweise gibt es wenige „Ausbeulungen“ des Jetstreams, sprich wenige Rossbywellen.

Jetstream im Normalzustand mit kaum erkennbaren Rossbywellen. © <a target="_blank" href="http://www.meteociel.fr/modeles/gfse_cartes.php?jour=17&mois=3&annee=2017&heure=0&archive=1&mode=5&ech=6&runpara=0&carte=1">Meteociel.fr Archiv</a>
Jetstream im Normalzustand mit kaum erkennbaren Rossbywellen (hier vom 19. März 2017). © Meteociel.fr Archiv

Aus dem Jetstream lösen sich gelegentlich Rossbywellen nach Süden, die zu Troglagen im Wettergeschehen führen. Dabei muss die gesamte Hemisphäre betrachtet werden, insofern die Gesamtzahl der Rossbywellen auch etwas über ihre maximale Wellenlänge aussagt: Je weniger Wellen vorhanden sind, desto weiter können sie nach Süden ausufern. Je mehr Rossbywellen sich bilden, desto kürzer ist die Wellenlänge.

Wenn die Rossbywellen sich auf wenige beschränken, bleibt der Großteil des Jetstreams stabil und schnell in seinen Windgeschwindigkeiten. Die Wettergeschehnisse tragen dann zwar auch einen anthropogenen Fingerabdruck, aber führen aufgrund der nach wie vor vorhandenen West/Ost-Weiterbewegung nicht zu extremen Wettersituationen, vor allem nicht zu Hitzewellen*.

Rossbywellen-Systematik Nummer 6: Der Jetstream im Stillstand

Prof. Stefan Rahmstorf und andere Forscher haben nun belegt, dass bei einer Wellenzahl von 6-8 es zu einer Resonanz der Rossbywellen kommen kann.
Was bedeutet hier „Resonanz“? In diesem Fall führt eine bestimmte Anzahl von Rossbywellen zu einem Abstoppen der West/Ostbewegung. Das ganze System verharrt im Grunde und in den Schleifen und auch dazwischen bilden sich durch die fehlende Weiterbewegung Extremwetterlagen, weil sich die Bedingungen nicht verändern, sondern hochschaukeln.

Deutlich erkennbar in der Prognose zum 07. Mai 2017 gleich sechs "Ausbeulungen" (Rossbywellen). © <a target="_blank" href="http://www.meteociel.fr/modeles/gfse_cartes.php?mode=5&ech=6&carte=1">meteociel.fr</a>
Deutlich erkennbar in der Prognose zum 07. Mai 2017 gleich sechs „Ausbeulungen“ (Rossbywellen). © meteociel.fr

Dies sehen wir aktuell auf perfekte Weise dargestellt!
Wir erkennen in der Prognose zum 07. Mai 2017 (siehe Bild links) 6 Rossbywellen, die eine Resonanz erzeugen und das Geopotential (Hochdruck/Tiefdruck) in beide Richtungen radikalisieren. „Rossbywellensystematik Nummer 6“ bedeutet daher, dass es sich um 6 gleichzeitige Rossbywellen-„Ausbeulungen“ handelt, was eine enorme Anzahl ist, und dabei Extremwetter durch eine Resonanz erzeugen.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Die Temperaturen am Boden und in der unteren Troposphäre.
Denn die Rossbywellen entstehen quasi durch bestimmte Temperaturmuster in der Atmosphäre, die nachgewiesenermaßen auf die Treibhausgase und somit auf den Menschen zurückgehen. Man könnte vereinfacht sagen, dass bestimmte Temperaturstrukturen wie eine Schiene für den Jetstream als „Zug“ dienen und dabei die hohe Anzahl Rossbywellen auslösen.
Diese Temperaturmuster in der Troposphäre aber sind neu, nehmen mit dem entkoppelten Klima weiter zu und sind eine direkte Folge der Veränderung des Klimas durch die Treibhausgase!

Anomalien des Geopotentials mit deutlicher Extremisierung der Wetterlage in Hoch- und Tiefdruckanomalien aufgrund des oben dargestellten Jetstreams mit resonanten Rossbywellen. Deutlich erkennbar in der Prognose zum 07. Mai 2017 gleich sechs "Ausbeulungen" (Rossbywellen). © <a target="_blank" href="http://www.meteociel.fr/modeles/gfse_cartes.php?ech=6&code=0&mode=12&carte=1">meteociel.fr</a>
Anomalien des Geopotentials mit deutlicher Extremisierung der Wetterlage in Hoch- und Tiefdruckanomalien aufgrund des oben dargestellten Jetstreams mit resonanten Rossbywellen. Deutlich erkennbar in der Prognose zum 07. Mai 2017 gleich sechs „Ausbeulungen“ (Rossbywellen). In den Trögen bilden sich Tiefdruckanomalien, dazwischen in den „Tälern“ Hochdruckanomalien. © meteociel.fr

Üblicherweise ist das insbesondere im Sommer der Nordhemisphäre der Fall, wenn der Jetstream naturgemäß ohne den Polarwirbel ohnehin schwach daherkommt.
Der Jetstream hat sich vor allem im Sommer seit 1979 stark abgeschwächt. Damit einher geht eine Abschwächung der Westdrift und Sturmaktivität und daraus folgend eine stetige Verstärkung von Hitze und Warmwetterlagen*. Entsprechend gab es keinen Kaltsommer mehr seit dem Jahr 1987!

Doch wie man sieht, ist ein stillstehender Jetstream auch mittlerweile im Mai möglich. Da der fehlende Temperaturgegensatz zwischen der mittlerweile sterbenden, überhitzten Arktis und unseren mittleren Breiten den Jetstream weiter schwächt und die genannten Temperaturmuster in der Troposphäre erzeugt, ist eine Zunahme von resonanten Rossbywellen und somit von Extremwetter höchstwahrscheinlich. Mit anderen Worten: Vor allem im Sommer ist die Wahrscheinlichkeit von Hitzewellen* im Stil einer Naturkatastrophe wie 2003 oder 2015 sehr hoch und steigt mit jedem Jahr weiter an.

Animation des Jetstreams mit Darstellung der sich entwickelnden 6 Rossbywellen, deren Schleifen sich kaum weiterbewegen und zerfasern und dadurch Extremwetter hervorrufen. Deutlich erkennbar in der Prognose zum 07. Mai 2017 gleich sechs "Ausbeulungen" (Rossbywellen). © <a target="_blank" href="http://www.meteociel.fr/modeles/gfse_cartes.php?mode=5&ech=6&carte=1">meteociel.fr</a>
Animation des Jetstreams mit Darstellung der sich entwickelnden 6 Rossbywellen, deren Schleifen sich kaum weiterbewegen und zerfasern und dadurch Extremwetter hervorrufen. Deutlich erkennbar in der Prognose zum 07. Mai 2017 gleich sechs „Ausbeulungen“ (Rossbywellen). Klick auf das Bild startet die Animation. © meteociel.fr

Aus diesem Grund halte ich im Übrigen einen Kaltsommer für nicht mehr klimatisch möglich und somit vollkommen ausgeschlossen. Und man kann mit einer recht hohen Wahrscheinlichkeit von gefährlichen Hitzelagen ausgehen, die immer häufiger zutage treten werden. Der Sommer 2016 war, obwohl viel zu warm, daher vermutlich eine der „kühlsten“ Varianten, die derzeit denkbar sind. Von dem gleichen Glück auch in diesem Sommer auszugehen wäre jedoch unrealistisch.

Derzeit führt die Rossbywellensystematik 6 offensichtlich zu mehr Kaltwettertiefdruckgebieten, da der sich auflösende Polarwirbel noch Kaltluftreste mitführt. Dies dürfte im Sommer sich umkehren und wie 2015 in einem vergleichbaren Fall zu Hitzepunkten mit Hochdruckgebieten führen und nur wenigen, ausgleichenden Tiefdruckgebieten:

"Spaltung" der Welt in Hitze und Kälte aufgrund des El Nino (NOAA unter commons.wikimedia.org , lizenzfrei, Das Hitzeaktionszentrum in Europa ist links oben zu erkennen
„Spaltung“ der Welt in Hitze und Kälte aufgrund des El Nino (NOAA unter commons.wikimedia.org , lizenzfrei) 2015, als ebenfalls resonante Rossbywellen auftauchten. Das Hitzeaktionszentrum in Europa ist links oben zu erkennen.

Kippt das Klima in kürzester Zeit um?

Man darf gespannt sein angesichts der extremen Veränderungen in der sterbenden Arktis, wie schnell sich solche Radikalismen weiter entwickeln werden, denn die globale Klimakatastrophe bleibt nicht stehen und sie wird sich auch nicht linear steigern, sondern nach wie vor immer stärker und schneller werden in einem exponentiellen Zusammenhang.
Die Folgen aus solchen Mechanismen sind aktuell nicht einmal von den Forschern an vorderster Front einzuschätzen.
Denkbar ist zwar auch, dass sich die Radikalismen (aus bisher unbelegten und unbekannten Gründen) beruhigen, doch weitaus wahrscheinlicher ist der gegenteilige Fall: Dass wir es mit Kipppunkten zu tun haben könnten, die durch Extremwetterentstehung wie oben beschrieben im Zeitraffer die Pole abschmelzen, Methan in Massen freisetzen, eventuell den Golfstrom abbrechen lassen und das einst stabile Klima der Erde innerhalb nur weniger Jahre in ein Tollhaus verwandeln.

Artikel
Nature: Michael E. Mann, Stefan Rahmstorf et al., Influence of Anthropogenic Climate Change on Planetary Wave Resonance and Extreme Weather Events.
PIK: Wetter-Extreme: Menschheit verändert wahrscheinlich gigantische Luftströme.
Diplomet.info: Rossbywellen.




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  • Leon

    danke für den Artikel, sehr schön sieht man wie es normal wäre und nun das…
    Meine Frage dazu aber: Ist das jetzt das erste mal in der Geschichte der Wetterbeobachtung das gleich so viele Rosby Wellen auf Einmal vorkommen, oder gab es schon einmal mehr?
    was mich auch interessieren würde, ob es möglich ist das sich die Hochdruckgebiete welche sich in den Zwischenräumen ansiedeln zu einer riesigen Hochdruckbrücke führen könnten die riesengroße Gebiete austrocknen lassen könnte?

    Meine güte kommt in diesem Jahr viel auf einmal

    • Jo, ich bin hier auch am Hinterherhetzen hinter den Klimanews. Ein Hammer folgt dem nächsten. Aber wen wundert das bei dem Stand der globalen Klimakatastrophe? Seit Waccy und dem Sterben der Arktis, richtig verstärkt ab Herbst 2016, geht es Schlag auf Schlag.

      Zu deinen Fragen: Ich weiß es nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass es auch schon früher solche 6er, 7er oder 8er Rossbywellen gegeben hat mit einer Quasiresonanz, sprich Stillstehen, aber wohl extrem selten. Die Klimakatastrophe scheint diese Zustände extrem zu verstärken in Qualität und Quantität – eben weil ja auch erst die Temperaturmuster dafür sorgen, welche erst aus dem Treibhausgaswahnsinn der Menschheit resultieren.

      Die Hochdruckgebiete als riesige Hochdruckbrücke? Kann ich mir durchaus vorstellen. Ein schneller Blick auf den Juli 2015 mit einer ähnlichen Lage (wenn auch keine 6 Rossbywellen) zeigt dann auch eben jene Hochdruckbrücke auf 5-6 km Höhe…insofern kann ich mir das durchaus vorstellen, aber ausführlich recherchiert habe ich das jetzt nicht.
      Ein zweiter Gedanke ist eher gegenteilig: Hochdruckbrücken sind ja durchaus normal. Wenn der Jetstream sich normal verhält sind Hochdruckbrücken eher die Normalität. Das heisst: Erst wenn sich punktuelle Hochdruckgebiete durch die Entwicklung eines anormalen Jetstreams wie oben im Artikel für den 07.05.2017 entwickeln, kann es im Sommer eben auch zu regionalen Extremhochdruckgebieten kommen – eben weil sich der Jetstream nicht weiterbewegt, sondern sich regional die vorhandenen Wetterlagen hochschaukeln. Das würde bedeuten, dass isolierte extreme Hochdruckgebiete schlimmer und anormaler sind als eine Hochdruckbrücke mit schwächeren Hochdruckgebieten, die sich zudem weiter bewegen und verändern.
      Puh, komplexes Thema.
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      (c) meteociel.fr

      • Leon

        achso, vielen Dank für die Erklärung noch mal!
        Dann bin ich ja wirklich mal gespannt auf den Sommer, oder viel eher die Wetterlage die sich dann ab dem siebten einstellt, weil sollte es dann tatsächlich zu diesen 6 Rossbywellen kommen wird uns diese Wetterlage ganz sicher seeeeeehr lange beschäftigen!
        Das führt eigentlich schon wieder zu meiner nächsten Frage (puhh ist wirklich kompliziert): wie lange würde denn dann so ein system anhalten? sprechen wir hier von Wochen oder sogar einige Monate?

        • Höchstens einige Wochen würde ich denken. Allerdings dauerte die 2003er-Hitzewelle ja auch 2 Monate. Denke mal das wäre wohl die Obergrenze, aber wer weiß das schon? Mich wundert heutzutage nichts mehr. Was passiert denn, wenn die Arktis weiter sich erwärmt und der Temperaturgegensatz zu unseren mittleren Breiten weiter verschwindet? Ein dauerhaft eingefrorener Jetstream mit nur noch Extremwetter? Unwahrscheinlich aber immerhin denkbar.
          Wir werden die Entwicklung weiter beobachten und versuchen, aus den Beobachtungen und aus den neuen Veröffentlichungen an der Forschungsfront schlauer zu werden ^^

          • Leon

            allerdings, man lernt nie aus.
            Aber ich glaube das ein Jetstream nur abgeschwächt werden kann und nicht angehalten, da auch die Erddrehung ein Faktor der west Ost Bewegung ist. Von daher könnten Wetterlagen schon sehr lange halten, aber glaube ich nicht ewig

          • Nein, angehalten wird er nie, auch aktuell nicht. Aber die Schleifen dehnen sich aus und bilden sich immer wieder neu. Man muss eines bedenken: Wenn sich die Situation in der Arktis weiter so extrem entwickelt durch die „polare Verstärkung“ und es keinen Unterschied mehr gäbe zu einem unbekannten Zeitpunkt in der Zukunft zwischen Arktis und mittleren Breiten ab dem Spätfrühling, dann frage ich mich was die Folge wäre. Vermutlich eine völlig irre Hitze mit einer Zeitrafferschmelze in Grönland und Sibirien und ein Schub der Klimakatastrophe, der ganze Jahrzehnte überspringen könnte.
            Sogar aktuell ist Grönland im Bereich von Temperaturtagesanomalien, die +20 Grad übersteigen. Ebenso die Westantarktis im südhemisphärischen Herbst, wo der Riss bald das Larsen C-Shelf absprengen wird.

  • Adrian Falkenberg

    Hallo Michael, danke für den Artikel…P.S: Die neue Seite sieht gut aus, gefällt mir…;-)

  • Leon

    Morgen, ich habe das Thema mal kurz im Forum erwähnt und Wetterleuchte hat sich dazu sehr ausführlich geäußert und einen eigenen Thread draus gemacht: https://wetter-runde.de/thread-1601.html

    Sehr lesenswert

  • Autumn

    Liebe Leute, Sini bringt einen sehr spannenden Aspekt hier mit ins Spiel. Ich zitiere:“Droht die Erhaltungsneigung sich mit kühleren Temperaturen durchzusetzen?“ (Quelle: http://www.wetterprognose-wettervorhersage.de). DAS wäre doch mal was! Ergibt im Großen und Ganzen eigentlich Sinn, in den vergangenen Jahren waren es die ständigen ekelhaften Südwestwetterlagen, die sich immer wieder erneuert haben, warum sollten sich also nicht auch meridionale Lagen, West- und Nordlagen ständig erneuern? Zumal ja die Rossby-Wellen eine Änderung der Großwetterlage erschweren. Was meint ihr?

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