Die globalen Meeresspiegel werden immer schneller steigen und die Deiche müssen mehr als mitwachsen! Die Uhr tickt ...
Die globalen Meeresspiegel werden immer schneller steigen und die Deiche müssen mehr als mitwachsen! Die Uhr tickt ...

Es verwundert nicht, dass die Deichschutzplanung in vollbürokratisierten Deutschland immer noch auf der Annahme eines stabilen Klimas basiert. Da bereits seit geraumer Zeit die globale klimatische Treibhausgaskatastrophe, verharmlosend als „Klimawandel“ bezeichnet (vermutlich würde die Wahrheit die Bevölkerung verunsichern), die Epochen stabiler Klimate längst beendet hat, ist die Deichschutzplanung hoffnungslos veraltet. Statt rasch und kompetent zu reagieren, verharrt die deutsche Bürokratie in altgewohnter Inkompetenz und Zeitlupenreaktionsschnelligkeit.
Anders lässt es sich kaum erklären, dass man nach wie vor der Richtlinie folgt, die Deiche um genau die gleiche Höhe zu erweitern wie der Meeresspiegel durch die Eisschmelze ansteigen wird. Steigt der Meeresspiegel also um 50 cm, so werden auch die Deiche um 50 cm mitwachsen.

Was dem Küstenreisenden malerisch erscheint, ist letztlich der Schutz vor einer Nordsee, deren Wasserstand im Rahmen der globalen Eisschmelze immer höher wird. Allein der Blick veranschaulicht, wieviel Millionen Tonnen Material für eine auch nur leichte Deicherhöhung entlang der gesamten Küstenlinie benötigt würde. © <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Deich_B%C3%BCsum.jpg">Fotograf Dirk Franke, User Southpark auf commons.wikimedia.org</a>, Lizenz: <a target="_blank" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de">CC BY-SA 2.0</a>
Was dem Küstenreisenden malerisch erscheint, ist letztlich der Schutz vor einer Nordsee, deren Wasserstand im Rahmen der globalen Eisschmelze immer höher wird. Allein der Blick veranschaulicht, wieviel Millionen Tonnen Material für eine auch nur leichte Deicherhöhung entlang der gesamten Küstenlinie benötigt würde. © Fotograf Dirk Franke, User Southpark auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Selbst Laien wittern hier sofort einen grandiosen Fehler und das zu recht. Denn diese Linearität zwischen Meeresspiegelanstieg und Deicherhöhung ist fehlerhaft. Sie lässt exponentielle Steigerungsfaktoren, beispielsweise bei Sturmfluten, völlig außer acht. Mit anderen Worten: Wenn der Meeresspiegel um 50 cm steigt, dann erhöhen sich die Wellen nicht um den gleichen Wert, sondern um ein Vielfaches. Die Energie, die auf die Deiche trifft, wächst ebenso um einen exponentiellen Wert.

Um den Zusammenhang des Meeresspiegelanstiegs als Bedrohungsszenario für die deutsche Nordseeküste mit dem Deichschutz genauer zu verstehen, leihen wir das Auge einmal einem Experten. Dr. Arne Arns, promovierter Bauingenieur mit dem Schwerpunkt Küstenwasserbau, ist Leiter der „Coastal Extremes“-Forschung der Universität Siegen und hat auf Prof. Rahmstorfs Blog die Thematik scharfsinnig, mit großer Wissenstiefe und eloquent dargelegt: https://scilogs.spektrum.de/klimalounge/um-wie-viel-muessen-wir-die-deiche-der-nordsee-erhoehen/.

3 Faktoren des Wasserstandes an den Küsten

Der Wasserstand bemisst sich aus drei Faktoren:
1. Den astronomisch bedingten Gezeiten (Tide)
2. Dem Windstau. Hier handelt es sich um die Erhöhung des Wasserspiegels durch Winde.
3. Dem mittleren Meeresspiegel.

Ist das die Zukunft? Nicht nur in Deutschland, sondern global wird das Land vom steigenden Meeresspiegel gefressen, während gleichzeitig die Weltbevölkerung exponentiell anwächst. © <a target="_blank" href="https://www.flickr.com/photos/go_greener_oz/3047060508">go_greener_oz auf flickr.com</a>, Lizenz: <a target="_blank" href="https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/">CC BY-ND 2.0</a> (keine Veränderungen am Bild!)
Ist das die Zukunft? Nicht nur in Deutschland, sondern global wird das Land vom steigenden Meeresspiegel gefressen, während gleichzeitig die Weltbevölkerung exponentiell anwächst. © go_greener_oz auf flickr.com, Lizenz: CC BY-ND 2.0 (keine Veränderungen am Bild!)

Wenn sich der Meeresspiegel durch die globale Eisschmelze anhebt, dann hat dies nicht nur die reine Erhöhung des Wasserstandes vor der deutschen Küste zur Folge! Vielmehr verstärken sich auch die Gezeiten. Das hat den Grund, dass Bodendeformationen die Gezeiten nicht mehr so stark abbremsen.
Aktuell ist der Meeresspiegel noch so niedrig, dass die Gezeitenwirkung durch die geringe Wasserhöhe abgeschwächt wird. In flachem Wasser wirken sich Bodendeformationen bremsend aus. Mit jedem cm Meeresspiegelanstieg aber schwächt sich die Deformationswirkung ab, wenn die Wassersäule ansteigt und die oberen Wasserschichten von der Deformationswirkung am Boden immer weniger betroffen ist.

Der Windstau hingegen nimmt aufgrund des Meeresspiegelanstiegs ab und damit ist hier eher eine Entlastung anzunehmen. Normalerweise führen starke Winde dazu, dass Gezeiten verstärkt werden. Der Wind hat die Kraft, das Wasser in Buchten „hineinzudrücken“ und den Wasserstand und die Wellenhöhe zu verstärken. Dadurch entstehen beispielsweise auch Sturmfluten.
Eine größere Wassermasse ist für den Wind schwerer zu beeinflussen. Allerdings ist es möglich, dass aufgrund des „Klimawandels“ die Windstärken sowohl im Mittel wie auch in den punktuellen Extremwerten zunehmen könnten.

Allerdings werden die Wellen höher und stärker werden. Das „Brechen“ der Wellen wird sich in Richtung Deich verlagern, weil sich die Wasserhöhe vergrößert. Dadurch brechen die Wellen später und die Energie, die auf die Deiche trifft, wird sich damit auch erhöhen und diese gefährden. Zudem wird das „Auslaufen“ der Welt höher und länger werden und damit die Deiche mehr gefährden, als es der bloße Anstieg des Meeresspiegels durch die Eisschmelze vermuten lässt.

Es ist somit insgesamt anzunehmen, dass trotz geringerer Windstaueffekte Extremszenarien (Sturmfluten) zu höherem Wasserstand und Deichbelastungen führen werden. Da die Nordsee keine unbewegte, stets unveränderliche, spiegelglatte Fläche ist, reicht die Erhöhung der Deiche um den bloßen Anstieg aus der Eisschmelze nicht aus.
Vielmehr führen Rückkopplungseffekte zu nichtlinearen Steigerungen des Wasserstandes, die eine Erhöhung der Deiche weit über das Ausmaß des Meeresspiegelanstiegs erforderlich machen.

Bereit, wenn Deutschland von der Nordsee geschluckt wird? 😉

Wie hoch müssen die Deiche in Deutschland tatsächlich in Zukunft erhöht werden?

Wenn wir die Zahlen von Dr. Arns betrachten, so beziffert er zunächst den Anstieg aus den nichtlinearen Effekten mit 12-17 cm ZUSÄTZLICH zum Anstieg des Meeresspiegels aus der Eisschmelze.
Doch was bedeutet das für die Deiche, wenn man den Meeresspiegelanstieg betrachtet?

Mögliche Szenarien des weiteren Verlaufs des Meeresspiegelanstiegs. Diese Darstellung geht sogar noch über die von Dr. Arns dargestellten Szenarien hinaus, (c) NOAA - nach: Parris, A., et al. (6 December 2012) Global Sea Level Rise Scenarios for the US National Climate Assessment. NOAA Tech Memo OAR CPO-1, NOAA Climate Program Office
Mögliche Szenarien des weiteren Verlaufs des Meeresspiegelanstiegs. Diese Darstellung geht sogar noch über die von Dr. Arns dargestellten Szenarien hinaus, (c) NOAA – nach: Parris, A., et al. (6 December 2012) Global Sea Level Rise Scenarios for the US National Climate Assessment. NOAA Tech Memo OAR CPO-1, NOAA Climate Program Office

Im 20. Jahrhundert ist der Meeresspiegel durch die Eisschmelze und den sachten Beginn der klimatischen Treibhausgaskatastrophe um 20 cm gestiegen. Dieser sachte Anstieg wird nicht sachte weitergehen, sondern sich mit der Entkopplung des Klimas nichtlinear steigern.
Die heutigen Projektionen sehen einen Anstieg des Meeresspiegels um 30 cm bis 1 Meter bis zum Jahr 2100. Andere Annahmen gehen sogar im schlimmsten Fall bis 2 Meter (siehe Bild links).

Um die Steigerungseffekte aus Tide, Windstau und Wellengang zu kalkulieren, nimmt Dr. Arns eine Erhöhung der Deiche um das 1,5fache, besser um das Doppelte an. Das bedeutet: Sollte der Meeresspiegel um 50 cm steigen, so müssen die Deiche um 1 Meter in der Höhe wachsen. Das hört sich nicht viel an, ist aber eine enorme Menge, erfordert Jahre andauernde Bauarbeiten und immense Milliardenkosten.

Wenn man sich vor Augen hält, dass der heutige Wissensstand um die Eisschmelze bekanntlich von „Überraschungen“ geprägt ist (siehe Artikel-Hinweise unten), so ist es nicht unklug, den pessimistischen Stand der Projektionen zu verwenden – eine solche „konservative Rechnung“ wäre zumindest weise.
Wäre somit ein Meeresspiegelanstieg bis 2100 um 1 Meter anzunehmen, müssten die Deiche um sage und schreibe 2 Meter anwachsen.

Man sieht allein an diesen Zahlen, dass es in Zukunft eines immensen Aufwandes bedarf, um das norddeutsche Küstenland weiterhin als Lebensraum zu sichern, wenn man es nicht aufgeben und der Nordsee zurückgeben will.

Diese handgezeichnete Skizze von Herbert Grün veranschaulicht, wie komplex die Gefahren und der Bau von Deichen ist; © <a target="_blank" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Gefahren_f%C3%BCr_den_Deich.jpg">Herbert Grün auf commons.wikimedia.org</a>, Lizenz: <a target="_blank" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de">CC BY-SA 3.0</a>
Diese handgezeichnete Skizze von Herbert Grün veranschaulicht, wie komplex die Gefahren und der Bau von Deichen ist; © Herbert Grün auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Zugrundeliegender Artikel: Um wie viel müssen wir die Deiche an der Nordsee erhöhen? (Gastbeitrag von Dr. Arne Arns auf dem Scilogs-Blog von Prof. Stefan Rahmstorf)

Artikel zum Thema von kaltwetter.com
Die flüssige Erde: Warum der Meeresspiegelanstieg höher ausfällt
Meeresspiegelanstieg: Eine weitere Posse um unterschätzte Folgen?




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