Tornado 1999 während des berüchtigten
Tornado 1999 während des berüchtigten "Tornado Outbreaks" in Oklahoma/USA.

Gestern tauchten in Mecklenburg-Vorpommern überraschend vier Tornados auf, einer davon hier in einem Youtube-Video dokumentiert (ab ca. 02:00 erkennt man die Tornadosäule):

Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, denn im Unterschied zur landläufigen Meinung zählen die Meteorologen pro Jahr bis zu 30 Tornados. Die Zahl ist unsicher, da nicht alle Tornados erfasst und oft nur durch Zeugenaussagen berichtet werden.
Allerdings handelt es sich beinahe ausschließlich um schwache Tornados, die kaum Wirkung zeigen.

Anders gestern in Mecklenburg-Vorpommern. Neben drei weiteren Tornados besaß der stärkste Tornado Geschwindigkeiten von etwa 270 km/h und ist damit in die Kategorie F3 einzuordnen (die Fujita-Skala ist eine international gebräuchliche Klassifikation von Tornados aufgrund von Windgeschwindigkeiten).

Kategorie Windgeschwindigkeit in km/h
F0 64–116
F1 117–180
F3 254–332
F4 333–418
F5 419–512

Bei F3-Tornados werden u.a. LKWs umgeworfen und Dachziegel abgedeckt, was man in diesem Bild von gestern aus dem Ort Bützow gut sehen kann:

Verwüstungen in Bützow/Mechklenburg-Vorpommern durch den Tornado am 05.05.2015, © www.facebook.com
Verwüstungen in Bützow/Mecklenburg-Vorpommern durch den Tornado am 05.05.2015, © www.facebook.com

Wie entsteht ein Tornado?

Vereinfacht gesagt, handelt es sich um extreme Tiefdruckgebiete, die einen starken Luftwirbel entwickeln, der bis zum Boden reicht und mit den dann herrschenden, extrem hohen Windgeschwindigkeiten für enorme Schäden sorgt.

Entstehung eines Tornados wie gestern (keine Superzelle wie in den USA), © Bernold Feuerstein auf commons.wikimedia.org; Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/
Entstehung eines Tornados wie gestern (keine Superzelle wie in den USA), © Bernold Feuerstein auf commons.wikimedia.org; Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Genauer gesagt ist ein Tornado eine extreme Entwicklung normaler Konvektion in einer Cumuluswolke. Konvektion bedeutet hier, dass Luftpakete aufsteigen und sich mit Feuchtigkeit füllen, bis eine Sättigung erreicht ist. Dann kondensiert die Feuchtigkeit zu Tropfen innerhalb der Wolke. Dabei wird die Luft wieder leichter und steigt weiter auf, erzeugt somit einen Auftrieb und die umgebende Luft wird durch die Kondensation erwärmt. Es entsteht ein immer stärkerer Auftriebssog, der sich in der klassischen Tornadosäule manifestiert.
Voraussetzung für die Entstehung eines Tornados sind labile Schichtungen von Luft – in diesem Fall eine starke Feuchtigkeit bis in 1-2 km Höhe und eine deutliche Temperaturabnahme mit zunehmender Höhe. Außerdem muss eine gegenläufige Windscherung vorhanden sein, als gegenläufige Winde am Boden.
Übrigens rotieren Tornados nicht wie Hoch- und Tiefdruckgebiete immer in einer bestimmten Richtung, sondern können sowohl im wie auch gegen den Uhrzeigersinn rotieren, da die Corioliskraft für die Entstehung von Tornados nicht entscheidend ist.

Ist der Tornado ein Indiz für die Klimakatastrophe?

Ob der gestrige Tornado ein symbolträchtiger Fingerzeig für die Klimakatastrophe und für eine Zunahme von Tornados in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten ist, wird diskutiert und ist äußerst strittig.

Einerseits argumentieren einige Wissenschaftler, dass eine signifikante Zunahme von Tornados in Deutschland nicht festzustellen ist. Andererseits beruhen deren Argumente vor allem darauf, dass eine statistische Zunahme nur auf zunehmender Aufmerksamkeit der Bevölkerung (nicht zuletzt durch sog. „Stormchaser„, die diese amerikanische Tradition auch nach Deutschland brachten) und verbesserter Technik zurückzuführen sei, aber nicht auf eine faktische Zunahme durch veränderte Wetterbedingungen.

Andere Wissenschaftler, z. B. der DWD, sehen in der zahlenmäßigen Zunahme von Tornados sehr wohl ein Indiz für die Klimakatastrophe, weil die Entstehungsbedingungen für starke Tornados, allen voran die Energiezunahme in der Atmosphäre durch die zu hohen Temperaturen, begünstigt werden – vor allem im Sommer.

Man wird also die weitere Entwicklung verfolgen müssen. Bisher sind die vor Jahren getätigten Prognosen einer Klimakatastrophe bereits Wirklichkeit geworden: kein Frühling und Herbst mehr, sondern dürrelastiger Dauersommer von März bis Oktober und regen- und sturmreiche Mildwinter durch die mittlerweile um 180 km nach Norden verschobenen Wettersysteme und aufgrund Ausweitung der tropischen Zone.

Sisyphus als Kamerad der Sommerfetischisten: Lieber stupide den eigenen Qualen applaudieren, als geistige Einsicht zu erlangen
Sisyphus als Kamerad der Sommerfetischisten: Lieber stupide den eigenen Qualen applaudieren, als geistige Einsicht zu erlangen

Gerade letzter Punkt kann uns in Deutschland nur massive Sorgen bereiten und dieser ist wissenschaftlich belegt! Die Zukunft sieht, geht man von dieser Entwicklung aus, äußerst düster aus. Dass wir dadurch letztlich möglicherweise doch Tornados erleben werden, wird die Extremwetterfreunde erfreuen. Doch wer einen Tornado erlebt hat, wird sich dies nicht wirklich wünschen.
Da kann man nur hoffen, dass die Sommerfetischisten, die laut applaudieren, dass die Hitze unfassbar perverse Ausmaße annimmt, verstärkt diese Erfahrungen machen. Damit die Einsicht wächst, dass die Hitze nicht auf diesem Niveau verbleiben, sondern auf Dauer die Menschheit auslöschen wird und dass nicht nur Kurze Hose und T-Shirt* Dauerbekleidung von März bis November werden, sondern eben auch, dass Dürren die Natur in Deutschland vernichten wird und Tornados entstehen könnten.
Einsicht in die Kokosnußhirne von Hitzeperversen zu injizieren, mag die moderne Entsprechung der alten Legende von Sisyphos sein, doch wenn diesen bedauernswerten Kreaturen das eigene hitzeoptimierte Italienvilla-Haus mit 200 qm Grillfläche durch einen Tornado buchstäblich um die Ohren fliegt, könnte es vielleicht zu einem Erkenntnisfunken kommen, nachdem das schwarzbraune Ledergesicht im Tornado durch den umherwirbelnden Designergrillrost gedrückt wird.

  • Anna Kiefel

    Hallo Kaltwetter, ich möchte dir danken für deine vielen interessanten und teilweise auch amüsanten Beiträge. Ich habe wenig Ahnung von Meterologie aber lese sehr interessiert deine Artikel. Gesundheitlich vertrage ich Hitze sehr schlecht und freue mich auch über kühlere Tage. Grüße aus Sachsen von Anna

    • Vielen Dank, Anna 🙂
      Über solch ein Lob freue ich mich natürlich, das macht die Menge an Arbeit mit dieser Website wieder wett!
      Ich hoffe mit dir, dass wir einen Sommer erleben werden, der uns mit dem Schlimmsten verschonen wird, bevor endlich mal wieder ein Herbst kommt, der den Namen verdient.

  • Blizzard

    Nacht letzten Schauern im Norden und im Süden und kurzem Zwischenhocheinfluss Sonntag und Montag, formiert sich wieder ein Tiefdruckgebiet über den britischen Inseln, allerdings mit einer anderen Zugrichtung als das letzte (sprich Wz, nicht Ww). Neue Woche neues Glück heißt es somit für Geweitterfreunde, weil dadurch bedingt wieder feuchtwarme und labile Luft zu uns gelangt. Diesmal entwickelt sich das ganze jedoch nicht über der Osthälfte sondern im Westen und da müssten Gewitterzellen auch nach Hessen kommen!! http://www.wetterzentrale.de/pics/Rmgfs996.gif am Tag darauf verschärft sich das Risiko an den Alpen und im Süden im übrigen geht es gegen Null. http://www.wetterzentrale.de/pics/Rmgfs1236.gif Ich wage hier auch mal einen mittelfristigen Ausblick. GFS stützt mehrheitlich eine Umstellung auf NWz bzw. Frontalzone Mitteleuropa ab Ende kommender Woche (Nordlagenintermezzi sind nicht ausgeschlossen!!) In den Diagrammen sieht es dann so aus http://www.wetterzentrale.de/pics/MT8_Frankfurt_Main_ens.png ECMWF berechnet das Tief etwas westlicher, leicht wärmer aber beständiger. Es zeichnet sich jedenfalls eine kühlere Tendenz ab (Eisheilige?!) und bei weitem bessere Aussichten al noch im April!!

    • Nein! Gewitterzellen in Hessen? Undenkbar 😉 Na warten wir das mal in Ruhe ab.
      Die Eisheiligen habe ich auch auf dem Schirm, allerdings wären sie dann verfrüht – man sieht deutlich am roten 30-Jahres-Mittel, wie die Linie nach dem 20. abknickt. Sei’s drum, ich würde mich nicht beschweren. Eisheilige in der Klimakatastrophe, das ist beinahe so wahrscheinlich wie ein 4:0 des FC Bayern gegen Barcelona 😉
      Insgesamt eine gute Entwicklung, dafür müssen wir aber durch abartige 28-32 Grad am nächsten Dienstag. Und ob die Nordlage so kommt… hoffentlich wird das nicht in den kommenden 3 Tagen wieder weggerechnet, so dass entweder aus den 7 Tage Kühle 1 Tag werden oder aber die deutliche Kühle sich auf langweile Mittelwerte wegrechnet. Ich bleibe da noch skeptisch und werde mal am Montag schauen, ob sich eine neue Wetterprognose in Form eines Artikels lohnt.

  • Blizzard

    Von gestern auf heute sind die Indices sogar noch was rauf gegangen. Besonders üppig ist diese Karte ausgefallen http://www1.wetter3.de/Animation_12_UTC_05Grad/72_19.gif

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