© SA-Venues.com Editor auf flickr.com, Lizenz: CC BY 2.0
© SA-Venues.com Editor auf flickr.com, Lizenz: CC BY 2.0

Schlechte Nachrichten für alle, die inmitten einer galoppierenden Klimakatastrophe und eines brennenden Europas auf einen Ausfall des Golfstroms und damit endlich auf normale Temperaturen zu unseren Lebzeiten hoffen.
Nach einer Studie sollen Veränderungen des Agulhasstroms durch die Klimakatastrophe zu einer Erhöhung des Salzgehaltes des Nordatlantiks und dadurch zu einer Stabilisierung des Golfstroms führen. Aber wie sicher ist das eigentlich? Und was ist der Agulhasstrom?

Der Agulhasstrom und seine Bedeutung für den Nordatlantik

Der Agulhasstrom ist ein Teil des thermohalinen Zirkulationssystems der Erde, sprich: Des globalen Strömungs- und Salzkreislaufs. Er befindet sich an der Südspitze Afrikas und die südlichste Spitze ist tatsächlich Kap Agulhas und nicht, wie man denken könnte das Kap der guten Hoffnung.

Thermohaline Zirkulation: Wasserströmungen, die sich über die gesamte Erde verteilen und ein Netzwerk bilden. © Canuckguy, Robert Simmon, NASA auf commons.wikimedia.org, Lizenz:
Thermohaline Zirkulation: Wasserströmungen, die sich über die gesamte Erde verteilen und ein Netzwerk bilden. © Canuckguy, Robert Simmon, NASA auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Wie der Agulhasstrom verläuft, zeigt, wie er den Nordatlantik beeinflusst: Er verläuft an der Ostseite von Südafrika, gelangt sogar etwas in den Atlantik hinein, bevor er eine Kehrtwende vollzieht und zurück nach Osten fließt. Dabei transportiert er große Mengen Wärme und Salz in den südlichen Atlantik.
Über die weiteren Bereiche des thermohalinen Systems gelangen vor allem die Salzmengen bis in den Nordatlantik und beeinflussen dort die uns bereits bekannte AMOC, die Umwälzpumpe bei Island. Dort wird die über den Golfstrom transportierte Wärme über die Meeresoberfläche an die Luft abgegeben und beeinflusst unser europäisches Wetter zum Negativen.

Der Salzgehalt steuert dabei die Stabilität dieses nördlichen Teil des Golfstroms, des Nordatlantikstroms. Höherer Salzgehalt bedeutet vereinfacht gesagt eine Stabilisierung des Nordatlantik- und Golfstroms mit der Heranführung größerer Wärmemengen. Ein niedrigerer Salzgehalt schwächt den Golfstrom und könnte unter Umständen bei Absinken unter ein bestimmtes (momentan noch unbekanntes) Niveau sogar den Ausfall des Golfstroms bewirken und bei uns in Europa für einige Jahrzehnte die Klimakatastrophe eliminieren.

Zuletzt gab es vielversprechende Hinweis, dass der Golfstrom ausfallen könnte, auch wenn die Diskussion um die AMOC und die Gründe für eine Golfstromschwächung rund um den berüchtigten „Kalten Fleck“ noch im vollen Gang ist (siehe Artikelsammlung am Ende dieses Beitrags). Eine Studie hat anhand eines Klimamodells nun eruiert, dass der Agulhasstrom sich ebenfalls verändert und statt zu einer Schwächung vielmehr zu einer Stärkung des Golfstroms in den folgenden 20 bis 30 Jahren führen soll.
Was ist an dieser Theorie dran?

Auf welche Weise verändert sich der Agulhasstrom?

Die Klimamodelle der Studie zeigen, dass sich in den kommenden Jahrzehnten der Agulhasstrom nach Süden verlagert, weil sich die Westdrift vor Ort verstärkt. Daher reicht der Agulhasstrom  durch die südlichere Ausrichtung auch deutlich weiter in den Atlantik hinein als bisher, bevor er durch die Westdrift wieder die Kehrtwende nach Osten vollführt.

Agulhasstrom an der Südspitze Afrikas, Angabe der Strömungsgeschwindigkeit in Metern pro Sekunde, Bild: März 2015, US Navy
Agulhasstrom an der Südspitze Afrikas, Angabe der Strömungsgeschwindigkeit in Metern pro Sekunde, Bild: März 2015, US Navy

Grund für diese Änderung ist nach der Studie die Klimakatastrophe (und damit der Mensch) selbst. Seltsamerweise deuten die Klimamodelle im Gegensatz zu „unserer“ Nordhalbkugel auf der Südhalbkugel auf eine Verstärkung der Westdrift. Diese wiederum „drückt“ den Agulhasstrom nach Süden.
Obwohl also die „Gegenwehr“ des Agulhasstroms zunimmt und ihn über den Windstress eigentlich vom Atlantik wegdrückt, ragt er letztlich deutlich mehr als früher in den Atlantik hinein, weil die Südbewegung ihm mehr Raum verschafft.

In Zahlen: Die Studie zeigt eine südliche Verlagerung des Agulhasstroms um 2 Grad, eine 7%ige Zunahme der Westdrift und eine Salzgehaltzunahme im oberen Bereich der nordatlantischen AMOC-Umwälzpumpe um sagenhafte 45 bis 48%. Selbst über mögliche Abschwächungen im Rahmen des Transports von Südafrika über den tropischen Strömungsbereich des Golfstroms auf dem Weg zum Nordatlantik stehen nach der Studie Zunahmewerte des Salzgehalts von 33% zu Buche und zwar innerhalb der nächsten 20 bis 30 Jahre.
Der ebenfalls transportierte Wärmefaktor scheint hingegen für den Nordatlantik keine große Rolle zu spielen, da er bereits im Vorfeld auf dem Weg in den tropischen und subtropischen Bereichen des Golfstroms an die Atmosphäre abgegeben wird. Der Salzgehalt allerdings würde nach der Studie bis zum Endpunkt des Golfstroms, der AMOC, weiter transportiert.

Und jetzt die Hoffnung: Wo liegen die Schwächen dieser Theorie?

Während es sehr beliebt ist, unreflektiert Informationen 1:1 zu übernehmen, die den Mantel der Wissenschaftlichkeit tragen, wollen wir wenigstens so handeln, wie es jeder Wissenschaftler tun würde und die Boulevardpresse es nicht tut, um ihre Leser nicht zu überfordern.

Wie jede Veröffentlichung dieser Art ist auch diese Studie eine Theorie, eine Hypothese. Sie bezieht sich auf die Zukunft und spiegelt mit den verfügbaren Daten und Klimamodellen den gegenwärtigen Stand unseres Wissens wieder.

Schematische Darstellung des Agulhasstroms und sein Zufluss in den Südatlantik über den Benguelastrom, © <a target="_blank" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Benguela_and_Agulhas_Currents.jpg">Oggmus auf commons.wikimedia.org</a>, Lizenz: <a target="_blank" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">CC BY-SA 4.0</a>
Schematische Darstellung des Agulhasstroms und sein Zufluss in den Südatlantik über den Benguelastrom, © Oggmus auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Zunächst ist es interessant, dass die Studie selbst anführt, die Bedeutung der Agulhas-Salzleckage würde gegenwärtig in den Klimamodellen „exzessiv überbewertet“. Das heißt: Wenn aktuell der Salzgehaltanteil des Agulhasstroms für den Golfstrom überbewertet wird, reduziert das logischerweise die in der Studie berechnete Zunahme in den kommenden zwei bis drei Jahrzehnten insofern aktuelle Vorstellungen von einem zu hohen Salzgehalt ausgehen. Um Missverständnisse auszuschließen: Die 33% Salzzunahme sind zwar sehr wohl als solche zu verstehen, weil die Studie selbst ja nicht von überbewerteten Zahlen ausgeht. Überbewertet werden bisher nur die Interpretationen der Agulhasauswirkung auf den Golfstrom in den gängigen Klimamodellen. Aus dieser Interpretationssicht (und nicht von den realen 33% Zunahme) ergibt sich eine Relativierung einer möglichen Stärkung des Golfstroms, die am Ende vielleicht doch nicht eine solche Wirkung hat, wie die Zahlen vermuten lassen.

Zwei bis drei Jahrzehnte sind zudem eine lange Zeit. Ob sich in dieser Zeit nicht erneut Rückkopplungswirkungen bilden, die die südliche Wanderung des Agulhasstroms verhindern oder auf eine andere Art und Weise die Zunahme der Westdrift auf der südlichen Hemisphäre letztlich ausgleichen, kann bei einem solch langen Zeitraum ebenfalls nicht ausgeschlossen werden.

Schließlich steckt der Teufel auch noch im Detail: Die Studie selbst sagt aus, dass die Auswirkung des Agulhasstroms nicht einfach nur in einer Stärkung der oberen Schicht der AMOC verstanden werden darf. Sondern dass die Reaktion der AMOC weit komplexer ist und gerade die für den Salzgehalt wichtigen tieferen Schichten mit dem in der Studie verwendeten Prognosemodell nicht vorhergesagt werden können (!): „The present model suggests that the trend in upper-layer meridional transport cannot be interpretet in terms of strengthening of the mean AMOC pattern […] The response of the AMOC is propably a complex superposition of effects due to changes in Agulhas leakage, local Ekman dynamics and Southern Ocean overturning

Wie eingangs gesagt, ist eine wissenschaftliche Hypothese eben das, was sie ist: Ein VERSUCH, einen Aspekt der Wirklichkeit zu verstehen. Ob es dann auch so kommt, wie in der Studie vermutet angesichts von Computerklimamodellen, ist alles andere als sicher.
Wir werden also weiterhin den Golfstrom, die AMOC und den Agulhasstrom beobachten, ob sich Veränderungen einstellen und möglicherweise nach einigen Jahren oder erst nach Jahrzehnten zu schlüssigen Antworten kommen, wo momentan vieles nur Spekulation ist.

Originalstudie: Anthropogenic impact on Agulhas leakage (englischsprachig)

Artikel zur Diskussion um den Ausfall des Golfstroms von kaltwetter.com
Wann bricht endlich der Golfstrom ab?
Verwirrung um den Golfstrom
AMOC und Windstress: Mögliche Erklärungen für den Kalten Fleck im Atlantik
Der Golfstrom schwächelt und Deutschland versinkt in Hitze?

Artikel aus dem Web zum Thema
Die Zeit: Das Salz in der Suppe
Helmholtz-Zentrum/GEOMAR: Spuren des Klimawandels im Agulhasstrom
Helmholtz-Zentrum/GEOMAR: Was Südafrika mit dem Golfstrom verbindet





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  • Herrmann Walhalla

    Also das ist ja mal sehr interessant.
    Wahrscheinlich hat mein in Beton gemeißelter Fokus auf den Golfstrom bisher verhindert, dass ich von diesem eventuellen Saboteur gehört habe.
    Falls da was dran sein sollte, wäre dies ja ein Fass ohne Boden – quasi eine sich ständig selbst nachladende Kanone, die ihre Geschosse, im Jubel des Sofeten-Mopps zusätzlich Schwung nehmend, auf uns ballert.
    Bei dem Gedanken wird mir schlecht…
    Hoffe zu tiefst, dass sich das relativiert und NICHT an dem ist!!!

    • Ich sehe das ganz entspannt aufgrund der dargelegten Relativierungen. Gerade beim Thema Golfstrom ist aktuell viel los in der Forschung. Der Kalte Fleck ist immer noch da, hat sich zeitweise Richtung Europa verlagert und immer noch ist man sich nicht einig, ob die Schmelze Grönlands und somit die Schwächung der AMOC oder andere Gründe (Windstress, Troglagen) sich dafür verantwortlich zeichnen.
      Das Thema ist in der Zukunft für einige Überraschungen gut, würde ich sagen.

      • Alptraum der Sofeten

        Neuer Punkt auf der Liste was man beobachten sollte. Wird immer mehr aktuell was vielleicht doch wenigstens ein klitze kleines bisschen positives für uns bringen könnte 😀

  • Keine Sorge, so gehts mir auch wenn ich Meldungen dieser Art zunächst in den Boulevardportalen lese. Wenn ich dann die Originalstudie lese, ergeben sich immer (ohne Ausnahme) Relativierungen, weil offenbar Journalisten heute nicht zu Unrecht spekulieren, dass die meisten Menschen zu blöd sind, um komplexe Thematiken zu begreifen. Daraufhin reduzieren sie die Studie bis zur Unkenntlichkeit und geben Klimaskeptikern Munition für ihre kruden Thesen statt etwas differenzierter mit dem Thema umzugehen.
    Heute gilt umso mehr in einer Welt aus zunehmender Agitation, Propaganda und digitaler Bildfälschung, dass man Intelligenz als die Lampe des Diogenes bezeichnen muss. Denn nur wer selbstständig denken und prüfen kann, wo die Wahrheit liegt, ist überhaupt in der Lage, sich aus dem Schlamm der äußeren Lügen, der inneren Selbstlügen und der Beeinflussung durch Interessen zu erheben.