Melancholischer Blick auf eine sterbende Welt und bald ein seltenes Bild: Meereis in der Arktis, © Polar Cruises auf flickr.com, Lizenz: CC BY 2.0
Melancholischer Blick auf eine sterbende Welt und bald ein seltenes Bild: Meereis in der Arktis, © Polar Cruises auf flickr.com, Lizenz: CC BY 2.0

Die Veränderung der Arktis zu einem eisfreien Zustand im Sommer und immer geringerer Meereisausdehnung im Winter wurde von den Klimaforschern bisher erst in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts prognostiziert.

Die Arktis stirbt! Nicht in Jahrzehnten, sondern Jetzt

Die (einmal wieder) „Überraschung“, der wir uns seit spätestens seit dem Herbst 2016 gegenübersehen ist das Eintreten dieser extremen Veränderungen bereits jetzt und hier und heute!
Die zwei Klimaforscher Haine und Martin haben unter Beteiligung des Geomar-Instituts in Kiel diese dramatische Entwicklung und Prognose für die nahe Zukunft innerhalb der nächsten 10 Jahre nun mit einer Veröffentlichung belegt, wie Pia Gaupels von GeoHorizon zusammenfasst: Saisonales Meereis verstärkt Klimawandel in der Arktis. Originalartikel (englischsprachig): Haine, T.W.N. and T. Martin, 2017: The Arctic-Subarctic sea ice system is entering a seasonal regime: Implications for future Arctic amplification. Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-017-04573-0.

Der Titel verwirrt zunächst. Denn tatsächlich ist die polare Verstärkung auch eine Folge physikalischer Bedingungen der Erdkugel und sollte sich nicht aus dem rasant schmelzenden Eis ergeben. Aus diesem Grund läuft in einer globalen Treibhausgaskatastrophe der Aufheizungseffekt in den arktischen Breiten deutlich stärker ab als am Äquator.

Saisonalität des Meereises verstärkt den arktischen Kollaps

Die Autoren der Studie haben allerdings herausgefunden, dass das Meereis und damit die Eisschmelze der Arktis der Hauptfaktor der polaren Verstärkung ist. Dies erfolgt vor allem durch die Schnee-/Albedorückkopplung: Weniger Meereis bedeutet weniger Rückstrahlung der Sonnenenergie (= niedrigere Albedorate), da die Oberfläche des offenen Meeres dunkel ist und eine extrem niedrige Albedorate im Vergleich zur höchste Albedorate von Schnee besitzt. Durch weniger Rückstrahlung wird die Arktis jedoch noch wärmer und es bildet sich weniger Meereis, wodurch wiederum sich die Erwärmung steigert – ein lawinenartiger Kreislauf.

Meereisbedeckung in der Arktis, Vergleich der Jahre 1980 (orange), 1990 (hellblau), 2012 als extremste Anomalie (gestrichelt schwarz) und 2017 aktuell (türkis). Der Trend ist eindeutig. © <a target="_blank" href="http://nsidc.org/arcticseaicenews/charctic-interactive-sea-ice-graph/">Interaktive Karte des NSIDC</a>
Meereisbedeckung in der Arktis, Vergleich der Jahre 1980 (orange), 1990 (hellblau), 2012 als extremste Anomalie (gestrichelt schwarz) und 2017 aktuell (türkis). Der Trend ist eindeutig. © Interaktive Karte des NSIDC

Wir stehen vor der Beobachtung, dass sich dadurch in der Arktis eine saisonale Extrementwicklung (wie es seit jeher in der Antarktis üblich ist) plötzlich zeigt (siehe auch Bild links mit immer größerer Schwankungsamplitude der Meereisbildung und -schmelze): Einem vermutlich bald eisfreien Arktissommer folgt eine Zunahme des Meereises im Winter, wobei die Zunahme auf immer niedrigerem Niveau erfolgt.

Diese plötzliche Extrementwicklung befeuert zusammen mit anderen Faktoren (beispielsweise veränderter Luftströmungen, die plötzlich Sturmtiefs und damit Wärme mitten im Winter bis an den Pol führen, was sogar zu Plustemperaturen mitten im arktischen Winter geführt hat) ein lawineneffektartiges Umkippen der Arktis in einem Ausmaß, das viele Forscher erst in Jahrzehnten erwartet hatten.

Allerdings wird diese rasante Erwärmung nach den Autoren der Studie in den etwa kommenden 10 Jahren abnehmen. Wohlgemerkt: Sie wird nicht zum Stillstand kommen, sondern die Beschleunigung der Erwärmung wird enden.

Wird der „Waccy“-Effekt nur kurzfristig bestehen?

Die große Frage lautet nun, ob der sog. „Waccy“-Effekt nach den beschriebenen 10 Jahren zu einem Stillstand kommen könnte.

Rekapitulieren wir zunächst. Was war gleich der „Waccy“-Effekt?

Es handelt sich hier um einen Effekt, der sich aus der sterbenden Arktis ergibt. Aufgrund der immer stärkeren Erwärmung der Arktis (= warm arctic) „weicht“ die Kälte nach Süden auf die Kontinente aus wie beispielsweise Sibirien (= cold continents).
Diese Kausalitäten führen paradoxerweise mitten in der entkoppelten Treibhausgaskatastrophe der Erde dazu, dass wir in der Zeit des Polarwirbels von Oktober bis etwa März sogar regionale Kälterekorde auf den Kontinenten bekamen und wohl auch wieder bekommen werden. Warme Arktis (wa) und kalte Kontinente (cc) ergeben mit einem abschließenden „y“ somit das Wort „waccy“, was so viel wie „verrückt“ bedeutet und die klimatischen Zustände in der Polarwirbelzeit angemessen beschreibt.

WACCY-Effekt mit warmer Arktis und kalten Kontinenten, hier: 20.11.2016; © Karsten Haustein
WACCY-Effekt mit warmer Arktis und (regional) kalten Kontinenten je nach Wetterlage – insbesondere Sibirien, hier: 20.11.2016; © Karsten Haustein

Der Waccy-Effekt sorgt also nicht überall, aber doch erstaunlich weitflächig für Kälte und/oder Schnee, wie man im letzten Winter überdeutlich gesehen hat (u.a. neben regionalen Kälterekorden in Sibirien zudem durch weit südliche Folgen des Waccy-Effektes: Schneechaos in Norditalien, Schnee in der Sahara, Türkei, Griechenland und sogar im Nahen Osten – vgl. Artikel des Spiegel).

Die Theorie liegt nahe, dass durch die Verstärkung des Sterbens der Arktis und durch die „Saisonalität“ des Meereises der Waccy-Effekt zunehmen wird.
Nicht zuletzt hat Dr. Cohen vom AER schon vor Jahren aufgedeckt, dass ein Zusammenhang zwischen warmer Arktis, dem Anwachsen der Schneedecke im Herbst in Sibirien und einem kalten Winter auf der Nordhemisphäre besteht: Recent Arctic amplification and extreme mid-latitude weather.
Den Beweis hat dann spätestens der Herbst 2016 und Winter 2016/17 geliefert, die von Forschern als eine Scheidelinie in den Folgen gesehen wird.

Noch einmal zur Erinnerung: Waccy bedeutet keine Garantie für Kaltwinter in Europa. Wie man an der Karte im November 2016 oben auch sehen kann, erfolgen die Auswirkungen vor allem in Sibirien. Europa liegt klimatisch gesprochen wie ein Flugzeugträger im Atlantik und bekommt daher nur selten positive Kälteeffekte ab. Lediglich bei einer Ostlage wie sie im Januar 2017 (Klimabilanz) erfolgte, kann dies geschehen – und da gab es mitten in einer Orgie von Warmmonaten gleich einen extrem kalten Januar, wie man ihn seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Insofern begünstigt Waccy indirekt für uns einen kalten Winter und ist daher die letzte Rettung in einer brennenden Welt.

Wirkungsweise von Schneedecke in Eurasien und der Arktischen Oszillation
Wirkungsweise der Schneedecke in Eurasien und der Arktischen Oszillation (AO); negative AO = möglicher Kaltwinter in Europa, positive AO = Mildwinter Europa, (c) Dr. Judah Cohen, aer.com

Sollte die Studie jedoch recht haben (und da darf man durchaus skeptisch bleiben), dann endet in ca. 10 Jahren der extreme Effekt der polaren Verstärkung und damit auch der (extreme) Waccy-Effekt.

Auch wenn dies durchaus möglich ist, da sich die Autoren auf seriöse Forschung verstehen, so sollte uns dennoch nicht verwundern, wenn andere „Überraschungen“ (es sei nur an eine durch die Erderwärmung selbst ausgelöste Massen-Emission von Methan im Permafrost vor allem Sibiriens erinnert) doch wieder zu einem völlig anderen Ergebnis führen, die am Ende bisher immer in eine Verschärfung der Klimakatastrophe geführt haben.

Artikel
Sehr anschauliche und detaillierte Beschreibung des Waccy-Effektes: Waccy – Ursachen und Wirkung.

Wikipedia: Polare Verstärkung.

GeoHorizon: Saisonales Meereis verstärkt Klimaerwärmung in der Arktis.

Cohen et. al.; Recent Arctic amplification and extreme mid-latitude weather, in: Nature Geoscience 7, 627–637 (2014) doi:10.1038/ngeo2234.

Francis, Cohen et al., Amplified Arctic warming and mid-latitude weather: new perspectives on emerging connections, DOI: 10.1002/wcc.474.




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  • Leon

    Sehr schöner Artikel und danke für die neuen Infos diesbezüglich ^^
    Aber das wäre leider Gottes auch meine und ja auch deine Theorie gewesen Michael.. Hoffen wir mal, dass der Waccyeffekt immer stärker wird und am besten gar nicht aufhört.

    • buumms

      In diesem Falle würde der Mensch aber nichts lernen ^^

      • Leon

        Er lernt auch so nichts.. Es passieren Dinge, die eindeutige Beweise für die Klimakatastrophe sind, und.. richtig! Der Mensch sagt, es wäre ein Natureller Vorgang… aaaaaalles klar

        • Darin besteht das Lernen: Fakten wahlweise ignorieren oder umdeuten, Absturz in die Katastrophe mit Millionen oder Milliarden Toten, Neuaufbau unter Berücksichtigung der Erfahrungen aus der Katastrophe. Zieht sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte und wird in unserer Epoche überdeutlich.

  • Dämonid

    Das sind sehr interessante Artikel, die du da verlinkt hast.
    Wo hatte der Begriff „WACCy“ eigentlich seinen Ursprung? Stammt er von Dr. Cohen persönlich?

    • Wo der Ursprung liegt, ist mir auch nicht bekannt. In den ersten Veröffentlichungen von Dr. Cohen taucht er nicht auf. Da er unwissenschaftlich ist, muss er wohl eher anderen Gebieten zugenordnet werden 😉
      Das Forum der WZ hat es bereits im Januar 2014 als Begriff erklärt: http://www.wzforum.de/forum2/read.php?6,2806524,2806754